Jesus – ein Thronanwärter?
Und das meint der Decoder dazu: Seit rund 250 Jahren versuchen Wissenschaftler ein historisch möglichst korrektes Jesusbild zu rekonstruieren. Wer war der „wahre“ Jesus? Wie hat er gelebt? Was hat er gesagt, was geglaubt? Wo stand er politisch? Mit welchem Anspruch trat er in der Öffentlichkeit auf? Solchen Fragen gehen Theologen und Historiker, Archäologen und Sprachwissenschaftler in gemeinsamer Arbeit nach. „Leben-Jesu-Forschung“ nennt sich das, als Erster hat sich der Aufklärer Hermann Samuel Reimarus in der Mitte des 18. Jahrhunderts darin versucht. Er war davon überzeugt, dass zwischen dem Bild, das Jesu Anhänger sich von ihm machten, und dem tatsächlichen Jesus grosse Lücken klafften. Erst die Jünger hätten Jesus zum Erlöser der Menschheit und Gründer des Christentums erkoren, dieser selbst habe sich als jüdischer Messias und damit als politisch motivierter Königsanwärter verstanden.
Genau das behauptet auch Dan Browns Romanfigur Teabing. Offensichtlich hat Brown nicht mitbekommen, dass die historische Jesusforschung inzwischen einige Schritte weiterkam und Reimarus’ These dabei nicht unwidersprochen blieb. Dessen Ansicht, Jesus habe einen Aufstand geplant, um die Römer aus Palästina zu vertreiben, gilt der heutigen Forschung als widerlegt, da Jesus Gewalt abgelehnt hat. Dennoch war er wohl nicht unpolitisch, wie verschiedene seiner Symbolhandlungen zeigen. Gerd Theissen, Galionsfigur der Jesus-Forschung und Autor des Lehrbuches „Der historische Jesus“, meint: „Jesus war ein Meister gewaltfreier Symbolpolitik. Daher weckte er bei seinen Anhängern wie bei seinen Gegnern die Vermutung, er sei der Messias. Ob er dies selbst glaubte, können wir nicht klar entscheiden. Er scheint in seinen Jüngern eine Art messianisches Kollektiv gesehen zu haben, hielt sich selbst aber wohl nicht für den Messias. Jedoch hat er sich vor Pilatus nicht eindeutig davon distanziert. Sicher ist: Jesus wollte nicht seine eigene Herrschaft durchsetzen, sondern diejenige Gottes, der er sich selbst unterordnete.“
Solche Aussagen sind typisch für die Leben-Jesu-Forschung, weil es darin viele Fragen gibt, die anhand des verfügbaren Quellenmaterials einfach nicht abschliessend beantwortet werden können. Denn die wichtigste Quelle, das Neue Testament, ist historisch problematisch – jedenfalls dann, wenn man unter historisch „objektiv“, „neutral“ und „durch unabhängige Quellen gesichert“ versteht. Das sind Bibeltexte aber gerade nicht, wollen und können es nicht sein. Warum nicht? Weil Bibeltexte keine Informations- oder Biografietexte sind, sondern Glaubenszeugnisse, die eigentlich Unsagbares in Worte zu fassen versuchen und die überzeugen wollen.
Ob also Jesus ein Thronanwärter im politischen Sinn war, wird – wie manches andere – wohl nie schlüssig zu beantworten sein. Und vielleicht war es gar keine so dumme Idee, als Rudolf Bultmann in seiner Theologie auf eine historische Jesusdarstellung verzichtete mit der Begründung: Er wolle seinen Glauben nicht von den wechselnden Ergebnissen der Jesusforschung abhängig machen. Ich finde historische Bibelforschung eine durchaus spannende und wichtige Sache. Mit religiösem Glauben ist sie aber nicht gleichzusetzen.
JUDITH HARDEGGER