Gott zieht nicht in den Krieg
Im Namen Gottes wurden schon unzählige Kriege ausgetragen – nicht nur in der fernen Vergangenheit. Aber taugt er tatsächlich zum obersten Kriegsherrn?
Als Mose mit dem Volk Israel durch die Wüste irrte, wurden sie einmal von den Amalekitern, einem wilden Wüstenstamm, angegriffen. Mose befahl Josua, sich Männer auszuwählen und in den Kampf zu ziehen. Er selbst ging auf einen Hügel. Und von dort aus geschah das Entscheidende: „Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken liess, war Amalek stärker.“ Also musste Mose stundenlang mit erhobenen Händen dort stehen, notfalls von seinen Begleitern gestützt. So gewannen die Israeliten die Schlacht und Mose baute in Erinnerung daran einen Altar mit dem Namen „Jahwe mein Feldzeichen“.
Mose war also buchstäblich zum verlängerten Arm Gottes geworden. Und dieser damit zum Kriegsgott. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass mit dem Ruf „Gott auf unserer Seite“ in den Kampf gezogen wurde. Der Versuch, aus Gott die mächtigste Waffe zu machen, begegnet uns in allen Religionen und zu allen Zeiten.
Ich konnte allerdings nie begreifen, wie beispielsweise Christen – manchmal sogar derselben Konfession angehörend – gegeneinander in den Krieg ziehen können, beide mit „Jahwe als Feldzeichen“. Ich frage mich, wie sich der liebe Gott in einem solchen Fall wohl verhält. Segnet er beide Heere und wünscht allen Beteiligten einen fairen Vernichtungskampf? Entscheidet er sich für den frommeren Gegner? Oder lässt sich erst nach geschlagener Schlacht feststellen, auf welcher Seite er gekämpft hat, nämlich auf der siegreichen? Genauso zynisch kommt es heraus, wenn man Gott in Kriegshändel verwickeln will. Die Antwort liegt für mich deshalb auf der Hand: Gott zieht nicht in den Krieg!
Krieg ist durch und durch das Werk einer unreifen Menschheit, die mit den Freiheiten, die ihr Gott lässt, nicht umgehen kann. Konsequenterweise segnet die katholische Kirche schon lange – aber leider noch nicht lange genug – keine Waffen mehr. Wenn sie Armeeseelsorge betreibt, dann nicht, um damit den Krieg zu legitimieren, sondern weil sie die Menschen gerade in ihren dunkelsten Stunden nicht allein lassen will. Und weil sie an der Hoffnung festhält, dass durch das Verkünden der guten Nachricht Menschen zur Vernunft gebracht und damit
Kriege verhindert werden können.
Im Glauben an Jesus Christus sollten wir uns vor allem für den gerechten Frieden einsetzen. Damit gerät uns das Ziel nicht so leicht aus den Augen: Denn für den Frieden hat Christus gelebt und gelitten. Aber gerade durch sein Leiden wird die Zumutung an uns Christen noch radikaler. Selbst eingefleischte Pazifisten und Wehrdienstverweigerer scheinen oft zu glauben, die Ablehnung von Waffengewalt bedeute lediglich, nicht zu kämpfen. Dabei verlangt sie in ihrer letzten Konsequenz unsere Bereitschaft, zu sterben. Die Märtyrer haben genau das getan. Sie sind für uns Christen die eigentlich vorbildlichen, aber auch beinahe unerträglich unbequemen Pazifisten, denn ihr Beispiel lehrt uns, was radikaler Gewaltverzicht bedeutet.
Die Logik der christlichen Feindesliebe stellt sogar die Selbstverteidigung in Frage. Die Einübung in diese Logik beginnt allerdings bereits im Kleinen: Wenn wir eine Kritik ohne Gegenrede einstecken und eine Verleumdung mit Demut ertragen sollen oder wenn wir nicht so glorreich gesehen werden, wie wir es gerne hätten.  Â
THOMAS BINOTTO