Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Es sei scheint’s Wahlkampf, hab ich gehört. Was ich bislang für die Werbekampagne eines Schafzüchterverbands gehalten habe, sei ein politisches Statement. Wegen Roschacher müsse ich meine Fantasie nicht länger anstrengen, das sei kein Farbklecks-Test, sondern Schmierentheater. Und gegen feindliche Geheimpläne müsse ich meine geistige Landesverteidigung nicht mobilisieren, dahinter steckten lediglich hysterische Politiker, die ohne einen Tag im Rampenlicht zwanghaft die Rampens… rauslassen müssten.
Lasst es gut sein! Ich hab’s kapiert: Es ist Wahlkampf. Jene Zeit, in der es in der Politik tierisch abgeht. Wo vermutlich vernunftbegabte Menschen wieder in Zweiwortsätze verfallen, Menschen mit Krawatte und Seidentuch sich wie fanatische Fussballfans aufführen und selbst die heimatverliebtesten Kuhschweizer den Slogan einem Argument vorziehen. Von den Plakatwänden lächelt uns also nicht das Botschaftspersonal von Kukident und Happybett entgegen, sondern der Kandidatenstadel.
Allmählich wünsche ich mir Meister Proper und Palmolive zurück und ertappe mich bei so unkeuschen Gedanken wie: Wenn das unsere guteidgenössische Demokratie sein soll, wirkt daneben die vatikanische Hierarchie fast schon sympathisch.
Schliesslich ist mir aber doch klar geworden, dass mich die Wahl etwas angeht. Es gehe nämlich, so wurde mir zugeflüstert, auch um Familienpolitik. Und da bin ich nun wirklich sattelfest. Also ich hänge eher etwas in den Seilen, aber lassen wir das. Ich kann immerhin mit Fug und Recht behaupten, ich sei in dieser Frage mindestens so sehr Praktiker wie unsere visionären Vordenkerinnen und Vordenker.
Aber alles, was ich bislang zur Familienpolitik gehört habe, kommt von Eva Herman oder Pascal Couchepin. Unsere Import-Familienpolitikerin Herman lässt sich auf die Kurzformel bringen: Viermal verheiratet, einmal Mutter, niemals Hausfrau, keine Ahnung. Wenn sie die Frauen zurück an Heim und Herd ruft, kriegt meine Frau, die seit bald zwanzig Jahren dort steht, unwillkürlich Fernweh, möchte sich als TV-Moderatorin verdingen oder Hermans Bücher neu schreiben.
Von Pascal Couchepin vernehmen wir, er habe auf der Petersinsel eine Lanze für die Familien gebrochen. Was bei diesem Gescherbel herauskommen soll, sind Betreuungsgutscheine zur Förderung der „familienergänzenden Kinderbetreuung“. Kurz: Couchepin betreibt nicht Familien-, sondern Krippenförderung – und damit meint er gewiss nicht ein Zurück zu christlichen Wurzeln. Und wieder steh’ ich wie der Ochs am Berg.
Bevor ich mich so ratlos wie zuvor aus der aktiven Politik zurückziehe, will ich doch noch mein erstes und letztes politisches Statement platzieren: Ich bin dafür, dass die Kinderzulage mindestens verdreifacht und direkt den Müttern ausbezahlt wird – unabhängig davon, ob sie „arbeiten“ oder nicht. Damit können diese dann ordnend in den freien Krippenmarkt eingreifen, sich Bücher von Eva Herman kaufen, und all jene, die so sehr wie niemand sonst unter dieser Familienpolitik leiden, die Nur-Hausfrauen nämlich, sie können sich ein paar erholsame Tage fernab dieses Affentheaters gönnen.
Eintrag ins Logbuch: Immer wieder heisst es, die Kirche solle sich nicht in die Politik einmischen. Es gibt Momente, da bin ich geneigt, auf dieses Angebot einzugehen. Vom Wahlkampffieber geschüttelt gehe ich sogar noch weiter: Am besten wäre, die Kirche würde sich auch von der Kirchenpolitik fern halten.

THOMAS BINOTTO


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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.