Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 21, 2007 Glauben – trotz der Welt
27. Sonntag im Jahreskreis (7. Oktober): Habakuk 1,2–3; 2,2–4

Glauben – trotz der Welt

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Einmal mehr herrscht Krieg in der Bibel. Israel wird schon lange von den Assyrern unterdrückt, und die Chaldäer oder Neubabylonier, die Habakuk als grausames, ungestümes Volk beschreibt, stehen kurz vor der Machtübernahme. Es kann also nur noch schlimmer werden. Kein Wunder, appelliert Habakuk, einer der zwölf kleinen Propheten des Ersten Testaments, leidenschaftlich an Gott: „Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht. Warum lässt du mich die Macht des Bösen erleben und siehst der Unterdrückung zu? Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung.“
Wie vielen spricht Habakuk noch heute aus dem Herzen mit seiner Klage, ja seiner Wut und Verzweiflung. Angesichts einer Welt, in der es von Natur- und anderen Katastrophen nur so wimmelt, an einen gütigen und allmächtigen Gott zu glauben, an einen Gott, der jederzeit in den Weltenlauf eingreifen könnte, um eben diese Katastrophen zu verhindern, der es aber aus unerfindlichen Gründen nicht tut – an einen solchen Gott mögen viele Menschen nicht mehr glauben. Und haben sie nicht recht? Wir belächeln antike Vorstellungen von Göttern, die den Himmel donnern liessen oder die Erde zum Beben brachten. Aber geht die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ nicht in dieselbe Richtung?
Über weite Strecken werden im Ersten Testament Glück und Leid als Belohnung respektive Bestrafung durch Gott verstanden. Diese Vorstellung kommt wohl daher, dass der Mensch ein elementares Bedürfnis nach Erklärungen hat für alles, was mit ihm und um ihn herum geschieht. Er stellt Zusammenhänge her, wo womöglich keine sind, weil er sich davon Orientierung und Sicherheit verspricht. Eine falsche Erklärung ist immer noch besser als keine, so scheint es. Dass es der Natur egal ist, wie viele Menschen bei einem Tsunami oder Erdbeben sterben, dass die Naturgesetze genial, aber herzlos sind, dass sich Menschen schon immer bekriegt haben und es wohl auch immer tun werden, das sind nun mal keine Erklärungen, die Trost geben.
Je länger ich mich mit dieser Frage beschäftige – in der Theologie spricht man vom Problem der Theodizee –, umso verständlicher wird mir der Standpunkt von Eugen Drewermann, der dafür plädiert, die Religion vom archaischen Lohn- und Strafdenken und dem damit einhergehenden naiven Gottesbild zu befreien.
Um Naturkatastrophen, Kriege oder Krankheiten zu erklären, brauche es nicht Religion und Theologie, sondern die Naturwissenschaften. Das aber bedeute nicht, dass wir Gott und Religion überhaupt nicht mehr bräuchten. Ganz im Gegenteil. Für Drewermann wohnt Gott in der Sehnsucht nach einer Liebe und Geborgenheit, die in der Natur gerade nicht gefunden werden können: „Wir brauchen Gott nicht, um die Welt zu erklären, sondern um dieser Welt standzuhalten.“ Hier wird Gott nicht gesehen als einer, der Leid zulässt oder verhindert, sondern als der, der Kraft gibt, in der Welt, wie sie nun mal ist, zu bestehen. Stimmt man dieser Ansicht zu, ist die Frage „Warum, Gott?“ vom Tisch, weil es dann einfach keine sinnvolle Frage mehr ist.

JUDITH HARDEGGER

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"Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht?" Habakuk 1,2. FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER