Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Augenblicke für ein Bild

Der erste Rausch

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Eine Quizfrage im Weinmonat Oktober: Wer war nach Auffassung der Bibel der erste Weinbauer? Er soll auch der erste Betrunkene gewesen sein, von dem das Erste Testament weiss. Vielleicht sind Sie seiner Darstellung in Venedig an der Südostecke des Dogenpalastes begegnet. Von der Ponte della Paglia aus ist die fast lebensgrosse Gruppe kaum zu übersehen. Und dennoch findet sie weit weniger Beachtung als die Seufzerbrücke, die vom gleichen Standort aus täglich unzählige Male fotografiert wird.
Bevor der Architekt und Bildhauer Filippo Calendario 1355 als Mitverschwörer des Dogen Marino Falier hingerichtet wurde, hatte er nicht nur den Dogenpalast entworfen und zu bauen begonnen. Von seiner Hand stammen auch die herausragenden Bildwerke der Fassade, unter anderem das Relief mit dem besoffenen ersten Weinbauern in seinem desolaten Zustand.
Um wen es sich dabei handelt, erfahren wir in einer etwas umständlich erzählten, doppelbödigen kleinen Geschichte in Genesis 9,18–27. Darin heisst es: „Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblösst in seinem Zelt. Ham, der Vater Kanaans, sah die Blösse seines Vaters und erzählte davon draussen seinen Brüdern. Da nahmen Sem und Jafet einen Überwurf; den legten sich beide auf die Schultern, gingen rückwärts und bedeckten die Blösse ihres Vaters. Sie hatten ihr Gesicht abgewandt und konnten die Blösse des Vaters nicht sehen“ (Gen 9,20–23).
In die Ecke des Reliefs, die auch seine Mitte bildet, hat Filippo Calendario einen hohen, den Menschen überragenden Rebbaum gesetzt. Der trunkene Noach steht schwankend daneben und ist seiner selbst nicht mehr mächtig. Aus dem Trinkgefäss, das ihm fast entgleitet, ergiesst sich der Wein auf den felsigen Boden. Noach ist ein alter, ehemals kräftiger Mann mit schmal gewordenen Schultern, dessen hölzerne Unbeweglichkeit und Unbeholfenheit vom Bildhauer geschickt herausgearbeitet wurde. Auf der anderen Seite des Baumes sind die unterschiedlichen Reaktionen der Söhne auf die Schwäche des Vaters in prägender Gebärdensprache dargestellt. Sem kümmert sich nachsichtig um den alten Vater, deckt behutsam seine Blösse und hebt schützend eine Hand. Ham dagegen gibt sich spöttisch empört und macht mit derben Gesten auf das skandalöse Benehmen aufmerksam. Das edel geformte Gesicht des guten und das verkniffene Gesicht des mitleidlosen Sohnes verdeutlichen die Rollen. Zur Gruppe gehört jenseits des anschliessenden Architekturbogens noch ein dritter Sohn, Jafet, der hier nicht im Bild ist.
Die peinliche Anekdote beschliesst den Zyklus der Noach-Erzählungen, die zu den so genannten Ur-Geschichten gezählt werden, weil darin den Menschen Urtümliches zur Sprache kommt. Was wesentlich zum Menschen gehört, wird da charakterisiert. Der Mensch wird dargestellt in seiner Grösse, aber auch in seiner Not, in seiner Gottebenbildlichkeit und in seiner bedauernswerten Schwäche. So ist der Mensch. Noach, der Held gegen alle Widerstände, der mit Gottes Hilfe das Leben in all seinen Entfaltungen zu retten und zu sichern vermag, ist daneben auch ein Häuflein Elend. Der Mensch schwankt zwischen Grösse und Schwäche.
Auch diese kleine Erzählung fängt positiv an. Noach beginnt mit dem Weinbau und mildert mit dieser tröstlichen Gabe den Fluch harter Arbeit. „Der Wein erfreut des Menschen Herz“ (Psalm 104,15). Er bringt Festlichkeit ins Leben. Aber Noach macht auch gleich seine Erfahrung mit dem edlen Saft: Wer zu viel trinkt, stürzt ab. Wer das rechte Mass verliert, gibt sich eine Blösse. Wer masslos wird, steht nackt da, ohne es zu merken. So ist es. Sachlich wird das festgestellt. Das lehrt die Erfahrung.
Nicht der Rausch Noachs wird getadelt, sondern die Reaktion Hams, der die Nacktheit seine Vaters anschaut und sich bei seinen Brüdern darüber lustig macht. Es ist diese anzügliche Respektlosigkeit, welche die Blösse Noachs erst richtig blossstellt, verspottet und zum Skandal macht. Sem und Jafet dagegen bedecken voll Ehrfurcht die Nacktheit des Vaters und wahren so seine Würde. Die beiden werden danach von Noach gesegnet, Ham dagegen verflucht.
Übrigens heisst es, von den drei Söhnen Noachs stammten die Völker der Erde ab. Wen wundert es, dass auch ihr Verhalten noch heute überall anzutreffen ist?

WALTER ACHERMANN

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Noach und seine Söhne Sem und Ham, Relief von Filippo Calendario in Venedig. FOTO: WALTER ACHERMANN