Bücher im Tiefkühlschrank
„Bis zu den Knien standen wir im Wasser und packten alles, was nicht niet- und nagelfest war, um es in Sicherheit zu bringen.“ Schwester Rut-Maria Buschor erinnert sich an jenen 22. August vor zwei Jahren, als wäre es gestern gewesen. Sintflutartige Regenfälle liessen einen Damm des Melchaa-Flusses brechen und überschwemmten weite Teile von Sarnen im Kanton Obwalden. Durch das steigende Grundwasser wurde das Benediktinerinnenkloster St. Andreas schwer in Mitleidenschaft gezogen. Klosterkirche und
Sakristei, Kapitelsaal und Refektorium, Schwesternstube und Krankenzimmer, Pforte und Besuchszimmer, Küche, Waschküche und Keller – alles war überflutet. Kein Strom mehr, keine Telefonverbindung, ja zeitweise nicht einmal mehr Trinkwasser. Keine der 13 Klosterfrauen hätte je gedacht, dass sie einst im Garten auf offenem Feuer würden kochen müssen.
KULTURSCHÄTZE IN GEFAHR
Inzwischen ist längst wieder der Alltag im Kloster eingekehrt. Die Spuren der Verwüs-tung sind kaum mehr sichtbar. Es sei denn, man begibt sich ins Obergeschoss. Dort stehen auf Gestellen reihenweise Bücher, die sich in erbärmlichem Zustand befinden. Bücher, die teilweise aus dem Mittelalter stammen, warten darauf, restauriert zu werden. „Ein Glück, dass Fachleute sofort zur Stelle waren und die Bergung unserer Kulturgüter an die Hand nahmen“, erklärt Schwester Rut-Maria. „Die haben alle Bücher grob gereinigt, in Plastiksäcke verpackt und sofort tiefgefroren, damit sich kein Schimmel ansetzen kann.“ Noch mehr Angst als um die Bücher hatte sie, die unter anderem als Organistin tätig ist, um die wertvollen Musikmanuskripte. Zur klösterlichen Notenbibliothek gehören etliche Handschriften aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert.
Dass das Frauenkloster Sarnen eine bedeutende Sammlung äusserst wertvoller Kulturgüter beherbergt, wurde durch die zahlreichen Medienberichte nach der Katastrophe landesweit bekannt. Zu dieser Sammlung gehören nebst den erwähnten Büchern und Musikalien zahlreiche Handschriften, Votivgaben für das Sarner Jesuskind, Gemälde und Skulpturen vom Barock bis ins 19. Jahrhundert, liturgische Geräte vom Spätmittelalter bis ins 18. Jahrhundert sowie eine der wichtigsten und grössten Textiliensammlungen der Schweiz. Bis all dies restauriert ist, wird es noch Jahre dauern. Wie schnell man vorankommt, hängt unter anderem vom Geld ab, das zur Verfügung steht. Da Versicherungsprämien von dieser Höhe die finanziellen Möglichkeiten der Schwesterngemeinschaft bei weitem überschritten hätten, waren die Kulturgüter nicht versichert. Deshalb ist das Kloster auf Spenden in einem Umfang von zwölf Millionen Franken angewiesen. 4,5 Millionen sind bereits beisammen, 7,5 Millionen fehlen noch. Die spontane Hilfe und Spendenbereitschaft gerade nach der Katastrophe sei beeindruckend gewesen, erinnert sich Schwester Rut-Maria. „Einst läutete es an der Pforte, und es stand ein älteres Ehepaar vor der Tür. Die Frau drückte unserer Äbtissin ohne viele Worte ein Couvert in die Hand. Darin lagen 30 000 Franken in bar.“
GELD UND MEDIEN
Die 36-jährige Nonne koordiniert die Spendensammlung und die Pressearbeit, und zwar mit einer Professionalität, die sie sich vorher wohl selber nicht zugetraut hätte. Zuvorkommend führt sie Medienleute durch das Kloster und erzählt so lebhaft, dass man stundenlang zuhören könnte. Angst, dass sich eine derartige Katastrophe wiederholt, habe sie keine. Nur wenn es sehr stark regne, werde ihr manchmal ein wenig mulmig. Auch ihr Glaube und ihr Gottvertrauen hätten nicht wirklich gelitten. „Mein Glaube ist wohl reifer geworden“, sagt sie. „Gott ist nicht schuld an dieser Katastrophe. Aber er trägt mit und gibt Kraft.“ Dass sich der Abschluss ihres Theologiestudiums nun um ein Jahr verzögert, hat ihre Zeitplanung zwar über den Haufen geworfen, doch Schwester Rut-Maria nimmt’s gelassen. „Ich habe in dieser Zeit ja enorm viel Neues gelernt.“
JUDITH HARDEGGER
www.frauenkloster-sarnen.ch