Auf den Ton schneiden
Wiederholt bläst Rudolf Aebischer die kleine Orgelpfeife an, lässt den Blick ins Leere schweifen, horcht, verfolgt den Klang, verkleinert dann mit dem Kulphorn die untere Bohrung der Pfeife, um, wie er sagt, ihr weniger Wind zu geben. Ihre Lautstärke soll sich nahtlos ins übrige Register einfügen. Seit Stunden intoniert er nun schon die Quinte 2 2/3, eines der 41 Register der neuen Churer Domorgel. Es ist eng hier im Hauptwerk des Instruments. Zwischen mehrstöckigen Pfeifenreihen und dem schmalen Holzgehäuse kniet der gelernte Orgelbauer auf einer Wolldecke, Werkzeuge vor sich aufgereiht, und bemüht sich um den perfekten Ton. Ein diffiziler Prozess, soll doch jeder Klang für sich allein angenehm fürs Ohr sein und sich auch harmonisch in den Gesamtklang des Instruments einfügen. „Die Einheit des Orgelklanges ist das Wichtigste. 41 Regis-ter mit 3244 Pfeifen müssen zusammenspielen wie ein erstklassiges Orchester“, sagt Aebischer.
50 PFEIFEN IN 10 STUNDEN
Rund zwei Monate nimmt die Intonation (Einbau der Pfeifen und ihre klangliche Anpassung an den Raum) der Orgel der Firma Kuhn in Männedorf in Anspruch. Jetzt, Anfang April ist Halbzeit. Die grossen Prospektpfeifen sind bereits eingebaut, die Mehrheit der kleinen Pfeifen im Orgelinnern auch. Die klangliche Ausrichtung ist ein Zusammenspiel von geübtem Gehör und manueller Feinarbeit. Sie erfolgt im Dreischritt: Während sich durch Öffnen oder Schliessen der Pfeifenbohrung die Lautstärke regulieren lässt, wird durch die Veränderung des Pfeifenaufschnittes die Klangfarbe beeinflusst. Und durch Abschneiden – auf den Ton schneiden – wird die Pfeife gestimmt. Das absolute Gehör brauche ein Intonateur nicht, dafür ein gutes Klanggedächtnis und vor allem viel Geduld, sagt Rudolf Aebischer, der auf eine 30-jährige Erfahrung zurückgreifen kann. „Man muss immer dranbleiben, nicht aufgeben, bis der perfekte Klang da ist – angenehm zum Anhören, warm, ohne übertriebene Schärfe.“ Pro zehnstündigen Arbeitstag intoniert er rund 50 Pfeifen.
Der Blick vom Altarraum durchs Kirchenschiff ist eindrücklich. Noch ist die Kanzel mit Schutzfolie abgedeckt, die Seitenaltäre links und rechts sind eingepackt, da und dort stehen Orgelpfeifen an den Säulen oder liegen verstreut in Plastikboxen. Doch das „Baustellen-Feeling“ verblasst angesichts der beiden Orgeltürme aus dunkel gebeiztem Elsbeerbaumholz, die hoch in den Kirchenraum aufragen und den Blick auf das Westfenster mit Glasmalereien aus dem 19. Jahrhundert freigeben. Wie eine Brücke dazwischengehängt die Empore aus hellerem Eichenholz. Die einfallenden Sonnenstrahlen werfen bunte Muster auf die Prospektpfeifen und mildern den Kontrast zwischen dunklem Holz und hellem Zinn.
Für einmal trägt in Chur nicht die Empore die Orgel, sondern umgekehrt. Eine innovative und mutige Lösung aufgrund enger Platzverhältnisse, die eine intensive Zusammenarbeit von Architektenteam und Orgelbauern erforderten. „Unser Ziel war in erster Linie ein tadelloses Instrument, während aus Architektensicht natürlich ästhetisch-visionäre Aspekte im Vordergrund standen“, betont Hans-Peter Keller von Orgelbau Kuhn, Projektleiter der Churer Orgel. In ausgezeichneter Kooperation liessen sich ungewohnte Akzente setzen.
KOMBINATION VON ALT UND NEU
Das moderne Design mit seiner klaren, reduzierten Formensprache, die sich in den neuen Kirchenbänken fortzieht, kontrastiert mit dem Kreuzrippengewölbe und den romanischen und barocken Elementen der Kathedrale und geht mit ihnen dennoch eine gekonnte Verbindung ein.
Die Kombination von Alt und Neu spiegelt sich auch im Orgelinnern: Rund ein Drittel der rund 3300 Orgelpfeifen stammen aus einer Vorgängerorgel von 1887. Damit lebt die Klangwelt des 19. Jahrhunderts im Instrument weiter. „Ein Spannungsverhältnis“, meint Rudolf Aebischer, und verhehlt seine Begeisterung für die traditionsreichen Holzpfeifen nicht. „Kunstwerke sind sie, optisch und akustisch“, sagt er und holt eine gedrechselte „Traversflöte“ aus dem Orgelinnern. Deutlich heben sich die hellen Teile der restaurierten Pfeife vom lackierten, dunklen Originalholz ab. Sämtliche Holzpfeifen wurden vor der Wiederverwendung in Männedorf minutiös restauriert. Ein ziemlicher Aufwand sei es gewesen, sagt Aebischer, die schadhaften und schlecht gewarteten Originalpfeifen wieder zu ihrem feinen, weichen Ton zu führen. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Hergestellt werden gedrechselte Holzpfeifen heute aus finanziellen Gründen kaum mehr. Der typisch warme Klang dieser Pfeifen ist deshalb eine Seltenheit geworden.
Die neu gebauten Metallpfeifen der Domorgel bestehen aus unterschiedlichen Zinn-/Bleilegierungen und wurden so dimensioniert, dass die Vielzahl von Klangvarietäten optimal mit den historischen Pfeifen aus dem 19. Jahrhundert zusammenklingt.
VOX HUMANA, VOX CELESTIS
Gedankenverloren schlägt Hans-Peter Keller auf dem Spieltisch der Orgel einige Töne an, intoniert Melodien, um auszuprobieren, ob das Unikat aus der Männedorfer Werkstatt den Erwartungen und Qualitätsansprüchen gerecht wird. Die Orgel ist für Werke der Romantik prädestiniert. Ein Lächeln. Rudolf Aebischer zieht die Register – Vox Humana, vox celestis, flauto …
„Wir konzipieren jede Orgel so, dass sie nicht nur künstlerisch, sondern auch handwerklich-technisch eine klare Identität hat und klanglich überzeugt“, sagen die beiden Orgelbauer aus Männedorf.
Ihre Arbeit wird in der Churer Domorgel fortleben. Zumindest für die nächsten hundert Jahre. Sachgerechte Wartung vorausgesetzt.  Â
PIA STADLER
Einweihung
Nach sechsjähriger Restaurationszeit wird die Churer Kathedrale am 7. Oktober 2007 wiedereröffnet. Den festlichen Einweihungsgottesdienst um 10.00 Uhr leitet der emeritierte Bischof Amédée Grab im Beisein von Diözesanbischof Vitus Huonder. Da die Kathedrale nicht sehr gross und die Einweihungsfeier schon lange „ausgebucht“ ist, können alle Interessierten, welche die Feier mitverfolgen möchten, dies von zuhause aus via Schweizer Fernsehen tun. SF 1 überträgt die Einweihungsfeier live zwischen 10.00 und 12.00 Uhr.