Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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50 Jahre Dargebotene Hand

Wo Worte zu Wegen werden

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Wer einen Ansprechpartner für seine Sorgen und Ängste sucht, findet unter Telefon 143 ein offenes Ohr. Seit 50 Jahren leistet die Dargebotene Hand emotionale erste Hilfe in seelischer Not.

 Befriedigt, wenn auch müde legt Robi den Hörer auf und blickt auf die Uhr: bald 15.00 Uhr. Sieben Gespräche hat er in den letzten fünf Stunden geführt, das zehrt. In wenigen Minuten ist die Schicht zu Ende. Seine Gedanken sind noch bei der letzten Anruferin. Die junge Frau war mit ihren zwei Kindern tags zuvor zurück zur Mutter gezogen, weil sie in ihrem Ehemann keinen Ansprechpartner mehr fand. Sie beklagte sich bitterlich. Robi hörte zu, spiegelte aus Sicht eines Mannes das Verhalten der Frau. Knapp 40 Minuten später dankte die Anruferin erleichtert für das Gespräch, rief ein Taxi und fuhr nach Hause. Robi ist einmal mehr fasziniert darüber, wie aus Worten Wege werden können. Nicht werten, keine Ratschläge geben, nur zuhören und Anteil nehmen, denn, davon ist Robi überzeugt: „Jeder Mensch weiss intuitiv, was für ihn am besten ist.“ Die verborgenen Lösungen gilt es herauszuarbeiten – oder ihnen zumindest im Gespräch ein wenig näher zu kommen.
Robi ist einer der 90 Freiwilligen, die in der Zürcher Regionalstelle der Dargebotenen Hand ein- bis zweimal pro Woche Dienst leisten. Das Telefon ist täglich rund um die Uhr besetzt, und dies seit 50 Jahren. Seit 2002 sind auch Online-Kontakte per Mail oder Chat möglich.

DIAKONIE LIVE
Waren es 1957 sieben Anrufe pro Tag, klingelt das Telefon an der Häringstrasse heute 100-mal täglich. Dazu kommen fünf Online-Anfragen. Die Dargebotene Hand ist konfessionell neutral, getragen wird sie von Beiträgen der beiden Landeskirchen und Spenden. „Wir sind einem christlichen Menschenbild verpflichtet. Was wir machen, ist Diakonie live“, sagt Tony Styger, katholischer Theologe und seit sechs Jahren Stellenleiter.
Das niederschwellige Hilfsangebot erreicht Menschen aller sozialen Schichten. Drei Viertel der Anrufenden sind Frauen, die Mehrheit unter ihnen ist zwischen 41 und 60 Jahre alt. Einzig beim Online-Angebot sind Männer und Jugendliche häufiger vertreten. Dort seien aber auch die Probleme schwieriger und schwerwiegender, weiss Tony Styger, der selbst auch Online-Beratungen macht, aus Erfahrung. Rund die Hälfte der Ratsuchenden leben allein.

HERZ UND VERSTAND
Robi stiess vor sechs Jahren durch ein Inserat im forum zur Dargebotenen Hand. Weil er seine Zeit sinnvoll einsetzen wollte und aus Dankbarkeit darüber, dass er ein glückliches Leben führe, wie er erklärt. Erst später erwähnt er den Schicksalsschlag, der ihn das Leben plötzlich in anderem Licht sehen liess. Die eigene Krise machte ihn offen für die Not anderer, zeigte ihm aber auch, dass schwierige Zeiten überwunden werden können. „Ich habe erfahren, dass in Grenzsituationen jemand da ist, der trägt“, sagt er, leise, zu-rückhaltend.
Die einjährige Ausbildung bei der Dargebotenen Hand habe ihn verändert, bereichert. „Ich habe mich besser kennengelernt, habe gelernt, als Mann mehr zu meinen Gefühlen zu stehen. Wahrscheinlich bin ich mehr Mensch geworden.“ Möglichst wenig blinde Flecken zu haben sei wichtig: „Sonst kann man sich auf sein Gegenüber nicht einschwingen.“ Lebenserfahrung braucht ein Freiwilliger, Offenheit, sehr viel Herz und auch Verstand. Die Anforderungen und Erwartungen sind hoch, die Befriedigung durch positives Feedback ist es auch.

NEUE SICHTWEISE
Die Mehrzahl der Anrufenden ist nach dem Gespräch erleichtert und hat eine neue Sichtweise auf ihr Problem gefunden. Es rufen Menschen in Krisensituationen an, zunehmend aber auch Frauen und Männer in schwierigen Lebenslagen, Menschen, die über einen längeren Zeitraum hinweg von der Dargebotenen Hand begleitet werden. Unter den Anrufern sind Einsame, Menschen mit Alltagssorgen oder schweren psychischen und körperlichen Problemen. Am Telefon 143 sind gesellschaftliche Entwicklungen früh erkennbar. So war vor Jahren die Rezession ein Thema, als sich noch keine Zeitung dafür interessierte, während heute Hilferufe von allein Erziehenden und Menschen in psychiatrischer Behandlung auffallend häufig sind.
Im Schutz der Anonymität kämen auch Tabu-Themen häufig zur Sprache, sagt Robi. Überhaupt lasse das Telefongespräch oder ein Chat oft mehr Nähe zu als eine persönliche Begegnung. Natürlich sei Abgrenzung ein ständiges Thema. Loslassen können ein anderes. Inzwischen ist es 16.00 Uhr. Robi spaziert in Gedanken versunken Richtung See. Am Limmatquai setzt er sich auf eine Bank und lässt, was belastet, den Fluss hinuntertreiben. Nach Hause gehen wird er erst, wenn die Geschichten auch dieser Telefonschicht verarbeitet sind.

PIA STADLER

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Tel. 143

Die Dargebotene Hand wurde 1957 von der Zürcher Stadtmission, Gottlieb Duttweiler und einem weiteren Geldgeber als erste Telefonseelsorge der Schweiz gegründet. 1960 konstituierte sich der Verband der Dargebotenen Hand. 1977 stiess die katholische Kirche als Trägerin dazu. Heute sind im schweizerischen Dachverband, der von einem ehrenamtlichen Vorstand geleitet wird, 12 Regionalstellen zusammengeschlossen. Kernstück der Dargebotenen Hand sind die 685 Freiwilligen, die jährlich mit 234 000 oder täglich mit 650 Menschen telefonisch oder online in Kontakt stehen.
Der Anruf erfolgt anonym (keine Rufnummer-Erkennung) und kostet vom Fest- und Mobilnetz 20, von der Telefonkabine aus 70 Rappen.

www.143.ch

Jubiläumsschriften
Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums hat die Dargebotene Hand Zürich bei der Hochschule für Soziale Arbeit eine Leistungsbilanz-Studie in Auftrag gegeben. Resultat:
Telefon 143 und das entsprechende Online-Angebot
geniessen eine hohe Wertschätzung und sind eine
wertvolle Ergänzung zur professionellen Hilfe im
psychosozialen Bereich.
Soeben ist zudem unter dem Motto „Reden hilft –
schreiben auch“ eine Festschrift erschienen.
Beide Pulikationen sind erhältlich bei der Dargebotenen Hand, Häringstrasse 20, 8001 Zürich;
Telefon 034 244 80 80, zuerich@143.ch.

Jubiläumsgottesdienst
Sonntag, 11. November 2007, 10.00 Uhr,
im Grossmünster mit anschliessendem Apéro.