Liebe Leserin, lieber Leser
Manchmal lässt sich auch aus einer misslungenen Formulierung ein kluger Schluss ziehen. Das hat mir Pfarrer Ruedi Reich zum Bewusstsein gebracht, der mit subtilem Sprachgefühl auf den römischen Affront reagiert hat, die Kirchen der Reformation seien „nicht Kirche im eigentlichen Sinn“. Er verlasse sein Büro abends nicht selten mit dem Zweifel: Sind wir Kirche im eigentlichen Sinn? Damit eröffnet Ruedi Reich eine ganz unerwartete Optik – die viel tiefer greift als kirchenpolitische Grenzziehungen. Aus einer Provokation wird so eine Anfrage an alle Kirchen: Leben und bezeugen wir wirklich das, was Jesus Christus gestiftet hat? Verkörpern wir das Christentum im eigentlichen Sinn – vorbehaltlos, unverfälscht, glaubwürdig, wahrhaftig?
So betrachtet wird uns bewusst, dass Kirche kein Zustand ist, sondern ein Weg. Kirche ist nicht – Kirche wird immer wieder von neuem. Auf diesem Weg gibt es keine Endstationen, sondern nur Zwischenhalte. Dazu passt auch der Wahlspruch
des neuen Bischofs von Chur: „In Christus alles erneuern“.
Plötzlich finden sich alle Christen dann doch in einem Boot wieder. Hineingesetzt von einer Wahrheit, über die niemand verfügen und die niemand seinen Besitz nennen kann. Wenn Jesus Christus wirklich diese Wahrheit ist, dann kann uns die Nachfolge gar nicht auseinanderführen – sie muss uns letztlich zusammenbringen. So gesehen ist Ökumene viel mehr als ein Dialog zwischen Kirchen – sie ist Notwendigkeit und Resultat der Christusnachfolge im eigentlichen Sinn. Und solange die Stiftung Christi in Bruchstücke zerteilt ist, solange müssen wir uns alle fragen: Sind wir Kirche im eigentlichen Sinn?
Es gilt also zu verbinden, anstatt zu trennen – zu verstehen, anstatt zu rechtfertigen – zu lieben, anstatt zu profilieren. Dieser Anspruch geht an alle Christen in allen Kirchen gleich welchen Typs. In diesem Geist der Erneuerung wünsche ich dem neuen Bischof, den Pfarreien, die im Kanton Zürich unterwegs sind, und uns allen recht eigentlich alles Gute.
THOMAS BINOTTO