Begleitung als Chance
Die Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden ist bis heute weitgehend eine Privatsache und wird in der Regel von Angehörigen der Betroffenen geleistet – nicht selten bis an die Grenzen physischer und psychischer Belastbarkeit. Seit dem 1. April dieses Jahres gibt es nun – nach der Stadt Zürich, dem Zürcher Oberland sowie dem Limmattal und einigen örtlichen Initiativen – auch im Rafzerfeld ein so genanntes Rufnetz, das die ergänzende persönliche Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden anbietet. Hauptinitiant dieses Angebotes ist der Theologe Thomas Bär, der bei der Caritas die Fachstelle „Sterben und Trauern“ leitet, in der Hoffnung, einst die fehlenden Regionen im ganzen Kantonsgebiet mit einem solchen Angebot abdecken zu können. „Wir haben festgestellt, dass die professionelle Betreuung von Betroffenen im Rahmen von Sozialdiensten, Spitex, Spitälern und Ärzten sehr gut funktioniert. Aber Schwerkranke und Sterbende haben ja auch menschliche Bedürfnisse, und hier fehlt bis heute oft eine externe persönliche Infrastruktur als Ent-lastung von Angehörigen.“
Das Hinzuziehen einer fremden Person für die Krankenbetreuung in der eigenen Familie ist für viele kein leichter Schritt. Die Angehörigen seien in einem Dilemma, meint Thomas Bär, weil sie einerseits die Begleitung selber machen und andererseits keine fremden Leute im Haus haben wollten. „Man sieht das noch zu wenig als Chance“, resümiert der Theologe, „dabei würde es heissen, eine Person einzuführen, die nicht primär von der Pflege oder von Krankheitssymptomen spricht, sondern wo der Schwerkranke selber bestimmen kann, worüber geredet werden soll.“ Thomas Bär spricht von Begleitpersonen, die parat seien, in ein offenes Gespräch einzutreten, auch und gerade über Themen, die man sonst kaum wage anzusprechen: spirituelle Fragen nicht selten oder solche, die mit Sterben oder Tod und der Frage nach dem möglichen Danach zu tun hätten. Was sich Bär wünscht, ist ein Umdenken – weg von der Perspektive, dass eine solche Unterstützung nur dem Eingeständnis gleichkommt, selber an die Grenze der Belastung gekommen zu sein. „Diese Hilfe sollte nicht vornehmlich als Hilfe, sondern als Ergänzung, die neue Ideen mit in ein Haus bringt, angeschaut werden.“ Deshalb wäre es laut Bär auch besser für alle, wenn eine solche Ergänzungen früher, als es heute meistens der Fall ist, einbezogen würde: „Im Idealfall wäre es der Kranke selber, der jemanden aussuchen würde.“ Je früher eine solche ergänzende Unterstützung berücksichtigt wird, desto eher kann eine gute Vertrauensbeziehung zwischen Patient und einer externen Betreuungsperson entstehen.
Thomas Bär ist bei der Caritas jedoch nicht nur für das Rufnetz allein zuständig, vielmehr gibt er auch Grundkurse zur Sterbebegleitung für Laienpersonen, die es sich vorstellen können, dereinst in diesem Bereich sich zu engagieren. „Ganz viele Leute machen den Grundkurs aus persönlichen Motivationen heraus, sei es, dass sie in einer Institution mit Sterbenden arbeiten oder dass sie zu Hause einen kranken Elternteil haben.“ Im Grundkurs würden die Teilnehmenden bewusst an ihre Grenzen geführt, erklärt Bär. So sollen sie sich intensiv Gedanken darüber machen, wie sie sich ihr eigenes Sterben oder ihren eigenen Tod vorstellen. Letztlich gehe es hier, so Bär, immer auch um die persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit.
Weitere Informationen unter Telefon 079 813 08 72
SANDRO SCHAUB