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Der „Sakrileg-Decoder“ (VI)

Die Tempelritter

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Behauptung: Die Geheimgesellschaft „Prieuré de Sion“ gründete den Templerorden, damit dieser Geheimdokumente über die wahre Jesus-Geschichte hüte. Während der Templerorden durch eine Aktion des Papstes vernichtet wurde, existiert die „Prieuré de Sion“ bis heute.

Und das meint der Decoder dazu: Es war am 13. Oktober 1307, als in Frankreich auf Geheiss des Königs an ein- und demselben Tag alle Templer aller Kommandanturen verhaftet wurden. Der mächtigste und reichste Orden der christlichen Welt wurde Opfer der Inquisition. Wie kam es dazu?
Im Jahr 1099, am Ende des ersten Kreuzzuges, wurde Jerusalem von christlicher Seite zurückerobert, so dass die Heilige Stadt Anziehungspunkt für viele Pilger aus Europa wurde. Eine kleine Truppe von Kreuzrittern beschützte sie auf ihrer Pilgerreise vor Überfällen. Sie war die Keimzelle des Templerordens, der seinen Verwaltungssitz in Jerusalem hatte und dessen strenge Ordensregeln unbedingten Gehorsam forderten. Die europäische Zentrale lag in Paris, Niederlassungen gab es bald in ganz Europa. Um die Versorgung des Ordens im Heiligen Land sicherzustellen, erfanden die Templer den bargeldlosen Bankverkehr. Eine in Frankreich getätigte Geldeinzahlung konnte in Jerusalem ausbezahlt werden. Auch in anderen Wirtschaftszweigen waren die Templer erfolgreich, so zum Beispiel in der Landwirtschaft. Dank einer neuen Anbaumethode gelang es ihnen, grosse Überschüsse zu produzieren. Darüber hinaus gab es viele Schenkungen von Landbesitz an den Orden, von denen nicht wenige auf Bernhard von Clairvaux zurückgingen. Der berühmte Zis-terzienserabt setzte sich nämlich nach anfänglicher Skepsis kräftig für die Templer ein. All dies trug dazu bei, dass deren Reichtümer ins Unermessliche stiegen. Und genau das sollte der Bruderschaft zum Verhängnis werden. Denn Frankreichs macht- und geldgieriger König Philipp IV., genannt der Schöne, trachtete danach, diese Reichtümer an sich zu reissen.
Anlass zum Vorgehen gegen die Templer war eine Denunziation. Ein Südfranzose setzte das Gerücht in Umlauf, dass bei der Aufnahme in den Orden die Verleugnung Christi sowie homosexuelle Praktiken verlangt würden. So kam es, dass 1307 an zahlreichen Orten die Ordensmitglieder festgenommen wurden. Hilfe hätten sie einzig von Papst Clemens V. erwarten können. Doch der wurde vom französischen König massiv unter Druck gesetzt, sodass er 1312 auf dem Konzil von Vienne den Orden nach Jahren der Untersuchung durch die Inquisition auflös-te. Unzählige Templer kamen im Kerker oder unter der Folter zu Tode. Wer ein unter Folter erpresstes Geständnis später widerrief, landete in Frankreich als rückfälliger Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Viele überlebende Ordensbrüder flohen nach Schottland, wo sie vor Verfolgung sicher waren. Bis heute ranken sich Legenden um die schottische Roslyn Chapel, unter deren Krypta der Schatz der Templer vergraben worden sein soll. Es berufen sich auch mehrere Templer-Vereinigungen – meist esoterischer Couleur – auf einen direkten Bezug zum mittelalterlichen Orden.
Historiker sind diesbezüglich skeptisch. Worin sie sich aber einig sind: Sie sehen in der Auslöschung des Templerordens einen ungeheuerlichen Justizmord, da die erhobenen Anklagen jeglicher Grundlage entbehrten.

JUDITH HARDEGGER

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Ruine der Templerburg in Ponferrada (Spanien). FOTO: WALTER GROSSMANN