Verehrter Nationalheiliger
Die ungarische Gemeinde, die seit ein paar Jahren ihren festen Platz in der Kirchgemeinde Bruder Klaus in Zürich hat, ist für ein verhältnismässig grosses Gebiet zuständig, das neben Zürich auch die Städte Winterthur, Uster, Wetzikon, Schaffhausen sowie St. Gallen umfasst. Am 26. August fanden sich bei sommerlichen Temperaturen besonders viele Ungarinnen und Ungarn in „ihrer“ Kirche ein, galt es doch, im Rahmen eines Gottesdienstes des eigenen Nationalheiligen – König Stephans I. – zu gedenken.
Die Feier fand allerdings später statt als in Ungarn selbst, wo der 20. August offizieller Staatsfeiertag ist. Neben dem in Zürich ansässigen ungarischen Pfarrer waren auch Geistliche aus dem rumänischen Siebenbürgen angereist, um den Gottesdienst mitzugestalten.
Stephan I. (969–1038) ist der erste König Ungarns und damit der Begründer des christlichen Königreichs. Er führte in dieser Funktion die bereits von seinem Vater, dem Grossfürsten Géza, begonnene (Zwangs-) Christianisierung Ungarns und die Annäherung an den Westen fort, wobei er dabei, wie in manchen Quellen vermerkt wird, mit seinen – zum Teil heidnischen – Gegnern wenig zimperlich umgegangen sein soll.
Zusammen mit seinem Vater, der bereits Jahre zuvor erstmals bayerische Missionare zwecks Verbreitung der Taufe ins Land hat kommen lassen, wurde Stephan im Alter von 16 Jahren ebenfalls getauft. Während der Vater im Grunde aber Heide blieb, erhielt Stephan bereits eine christliche Erziehung. Diese gezielte Anbindung an das Christentum verstärkte sich noch durch den Umstand, dass es dem Grossfürsten wenige Jahre vor seinem Tod gelang, seinen Sohn mit der bayerischen Prinzessin Gisela, der Schwester des zukünftigen deutschen Königs Heinrich II., zu verheiraten. Diese Hochzeit festigte das Bündnis mit den bayerischen Fürsten und bekräftigte die Einbindung Ungarns in die Westkirche.
Nach dem Tod des Vaters 997 setzte sich Stephan denn auch mit bayerischer Unterstützung zunächst gegen seinen Vetter Koppany durch, der dem Heidentum näherstand und selbst Anspruch auf den Fürstenstuhl erhob. Wenig später, im Jahre 1000, sandte Stephan einen Abt zu Papst Silvester II. nach Rom mit der Bitte, ihm die Königswürde zu gewähren. Unterstützung fand dieses Anliegen durch den deutschen Kaiser Otto III., der mit Stephan verwandt war und sich zur gleichen Zeit in Rom befand. Der Abt brachte schliesslich die Krönungsinsignien nach Ungarn und wurde später zum Bischof der Stadt Gran ernannt (ungarisch Esztergom) – damals ein wichtiger Stützpunkt der ungarischen Herrscher, wo auch die Krönung Stephans stattfand. Allerdings ging die vom Papst gesandte Krone (Stephanskrone) nach seinem Tod verloren. In seiner Funktion als König setzte er die Christianisierung fort und holte primär deutsche Ordensleute als Missionare nach Ungarn. Darüber hinaus ordnete er die politische Struktur seines Landes neu und schuf neue Gesetzesvorschriften.
Im Jahre 1031 verunglückte sein einziger Sohn, Emmerich, bei einer Bärenjagd tödlich, so dass die Nachfolge auf einmal offen und umstritten war. Sieben Jahre später starb auch er, nachdem er den Sohn seiner Schwester zu seinem Nachfolger ernennen konnte. Man geht davon aus, dass der Kult um Stephan I. bald schon nach seinem Tod einsetzte. Auf Betreiben des späteren Königs von Ungarn, Ladislaus I., wurde Stephan – zusammen mit seinem Sohn – 1083 heiliggesprochen. Die im Grab „unversehrt aufgefunden“ rechte Hand wurde bald zu einem Gegenstand religiöser Verehrung und ist bis heute erhalten.  Â
SANDRO SCHAUB