Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Mit Studien und Statistiken lässt sich nicht nur trefflich lügen – es lässt sich damit auch wissenschaftlich beweisen, was dem gesunden Menschenverstand sonnenklar ist. Kürzlich wurde ich beispielsweise darüber aufgeklärt, dass die ständig piepsende, blinkende oder sonst sich aufdrängende Mailbox ein Störfaktor ist. Die Menschen fühlen sich dadurch abgelenkt, gestört, gedrängt und das Resultat ist Verzettelung, Hast, Ineffizienz und schliesslich Unzufriedenheit. Mit viel Aufwand kam damit die Erleuchtung über uns, die ich dank schonungsloser Selbstbeobachtung schon lange hatte. Aber was so offensichtlich ist, das kann eben gerade nicht wissenschaftlich sein. Ich habe auch schon versucht, meinen Rat für eine Tasse Kaffee feilzubieten. Er wurde selbstverständlich zurückgewiesen und bei einem Experten nochmals eingeholt – inhaltlich identisch, aber für viel Geld und damit glaubwürdig.
Die Experten lassen uns begreifen, dass Ausgeglichenheit etwas mit genügend Schlaf zu tun hat; dass ein stabiles Umfeld Sicherheit verleiht; dass ständig wechselnde Beziehungen uns krank machen; und dass wir uns auf einer heissen Herdplatte die Finger verbrennen. Dank Studien erkennen wir endlich, dass Autos die Luft verpesten, obwohl bereits ein Lungenzug in der Tiefgarage zu dieser Einsicht führt.
Apropos Lungenzug: Wer käme ohne Studien auf die Idee, dass Rauchen schädlich ist? Dass Kiffen zu Recht nicht von „Jugend und Sport“ gefördert wird? Dass Alkoholismus uns zerstört? Und dass sich Luxusjachten nicht mit Christentum vertragen?
Die Expertokratie macht unser Leben extrem fidel, weil wir nicht mehr auf das Offensichtliche achten und schon gar nicht auf unser Gewissen hören müssen. Der gesunde Menschenverstand wird stillgelegt und seine Aufgaben an Datensammler und
-jäger delegiert. Wer an diesem Glauben zu Grunde geht, ist nicht mal selber schuld. Schuld ist immer der gewissenlose Experte, der die lebensrettende Studie noch nicht veröffentlicht hat.
Eintrag ins Logbuch: Wenn Jesus der Messias der Expertokratie gewesen wäre, dann hätte er, erstens, keine Gleichnisse, sondern Statistiken gepredigt. Er hätte, zweitens, mit seinem Wirken erst nach Überweisung der Nationalfondsgelder begonnen. Und er wäre, drittens, bis heute nicht fertig mit seinen Studien, weil Expertengläubigkeit zwangsläufig im Vollständigkeitswahn endet. Glauben Sie’s mir! Ich kenne da ein paar eindrückliche Statistiken.

THOMAS BINOTTO

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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.