Fan des barocken Zürichs
Es ist heiss an diesem Augustnachmittag, drückend, der Verkehr dicht. René Zihlmann bleibt gelassen, umfährt Stockungen elegant. Er kennt sich aus in Zürich Enge, wo er einst Kirchenpflegepräsident der drittkleins-ten Pfarrei Zürichs war. Schlicht und würdevoll steht die Dreikönigskirche zwischen altem Baumbestand und ehrwürdigen Wohnhäusern. René Zihlmann schätzt die klare Ästhetik der Betonkirche von Ferdinand Pfammatter. Der Kirchturm im Hintergrund gehört zum reformierten Gotteshaus, Dreikönigen selbst besitzt keinen. Am Sonntagmorgen läuten jeweils die Glocken der reformierten Kirche zum katholischen Gottesdienst, im Gegenzug wird in der katholischen Vitrine für das reformierte Kirchenkonzert geworben.
forum: Herr Zihlmann, wie wichtig ist Ihnen die Ökumene?
René Zihlmann: Eine Kirche, die im Kanton Zürich glaubwürdig sein will, muss eine intensive ökumenische Zusammenarbeit pflegen. Das fordert schon die konfessionell durchmischte Bevölkerung. Nun ist die Ökumene allerdings nicht einfach gegeben, sondern muss immer wieder im Gespräch, in gemeinsamen Entscheidungen gesucht werden. Sie verlangt gegenseitigen Respekt, aber auch die Pflege der eigenen Tradition. Neben der Ökumene zwischen den christlichen Konfessionen scheinen mir auch zwei weitere Dimensionen wichtig: die Toleranz gegenüber verschiedenen Gruppierungen innerhalb der eigenen Kirche und die breite Ökumene mit den Weltkirchen, wie dies am Runden Tisch der Religionen betont wird.
René Zihlmann ist ein vielbeschäftigter Mensch. Und er hat einen Hang zu Führungspositionen. Neben seinem Amt als Präsident der Zentralkommission leitet er hauptberuflich das Laufbahnzentrum Zürich, ist Stiftungsratspräsident des Instituts für Angewandte Psychologie (IAP) in Zürich, engagiert sich an vorderster Front für den Schweizerischen Verband für Berufsberatung. Menschen zu führen und zu fördern habe er schon in der Jungwacht gelernt, sagt er. Und: „Ich setzte gerne Ideen um.“
forum: Wie stellen Sie Ihre Work-Life-Balance sicher?
René Zihlmann: Arbeit und Freizeit gehören für mich zusammen. Die Arbeit sollte uns möglichst wenig von unserem Dasein entfremden, dann fängt das Leben nicht erst nach Feierabend an. Ich liebe meine Arbeit, aber natürlich nehme ich mir auch Zeit für Hobbys. Als Erstes möchte ich meine Liebe zu Italien erwähnen, dazu gehört die italienische Küche genauso wie die italienische Kunstgeschichte und beides ist mit Reisen verbunden. Ich lese gerne, besuche hin und wieder einen Fussballmatch und treffe mich mit Freunden zum Jassen. Vor allem aber bin ich Musikliebhaber. Musik ist eine wichtige Ausdrucksform des Menschen und seiner Kultur.
Vorbei an Jugendstilfassaden und Kirchen aus dem 19. und 20. Jahrhundert bahnt sich René Zihlmann den Weg zum Opernhaus. Eine Stadtrundfahrt mit dem Präsidenten der ZK ist Kunstführung und Schnellkurs durch die Geschichte von katholisch Zürich zugleich. René Zihlmann verweist auf Details und stellt die grossen Zusammenhänge her. Das Opernhaus ist sein zweites Zuhause. Auf dem Weg hinauf zur Parkettloge leuchten seine Augen.
Was bedeutet Ihnen die Oper?
Sie ist meine Leidenschaft. Den Zugang dazu hat mir einst die Kirchenmusik gebahnt. Und noch heute ist das Requiem von Giuseppe Verdi mein liebstes Musikstück.
Und wenn Sie eine Opernrolle verkörpern müssten?
… dann wäre das wohl der Maler Cavaradossi aus der „Tosca“.
Ein Heldentenor?
Natürlich nur der zwei exquisiten Arien wegen … Sonst bin ich nicht so der Heldentyp. In meiner Arbeit sehe ich mich eher als Teamplayer.
Welches waren die Höhepunkte in Ihrer „Rolle“ als ZK-Präsident?
Da ist sicher als Erstes die Annahme des neuen Kirchengesetzes zu nennen, das der Kirche mehr Autonomie zugesteht und die katholische Körperschaft auch finanziell der evangelisch-reformierten Landeskirche gleichstellt. Damit ist ein langes Engagement abgeschlossen, das für mich 1995 mit dem Kampf gegen die Volksinitiative für die Trennung von Kirche und Staat begann.
Ein 13-jähriger Höhepunkt war die immer intensivere Zusammenarbeit mit der reformierten Kirche. Resultate sind gemeinsame Auftritte der Bischöfe Henrici und Vollmar mit Pfarrer Ruedi Reich sowie zahlreiche gemeinsam realisierte Projekte wie die Flughafen- und Bahnhofseelsorge, die Lehrlings- und Mittelschulseelsorge oder jüngst die Sihl-City-Kirche.
Zudem hat die Synode in meinen Amtsjahren in Chur den Aufbau des Pastoralinstitutes, den Ausbau des Priesterseminars und die Renovation der Kathedrale massgeblich unterstützt.
Und die Schwierigkeiten?
Mein Amtsantritt im Juni 1994 war geprägt vom Konflikt um Bischof Haas. Die Beziehungen zwischen Zürich und Chur waren schwierig, fast ausweglos. Die Kirche war ein Minenfeld. Auch die vom Papst persönlich eingesetzten Weihbischöfe Peter Henrici und Paul Vollmar konnten die Situation zunächst nicht wirklich beruhigen. Erst 1997 wurde dann der Bischof von Chur nach Vaduz abberufen und ein halbes Jahr später Amédée Grab zu seinem Nachfolger ernannt. Damit konnten die beiden Weihbischöfe ihre volle Wirkung entfalten und zusammen mit Bischof Amédée Grab den Churer Bistumskonflikt allmählich entwirren.
Ein besonderes Anliegen ist René Zihlmann die Bildung. Das zeigt sich in seiner Arbeit als „oberster Berufsberater“ der Stadt Zürich als auch in seiner über 20-jährigen Tätigkeit als Dozent für Psychologie und Pädagogik an der Universität Zürich. „Bildung ist für den Menschen so wichtig wie das Wasser zum Leben“, sagt er im Lichthof der Universität an der Rämistrasse.
forum: Wie waren Sie als Student?
René Zihlmann: Ich war sicher ein intensiver Zuhörer und morgens unter den Ersten an der Uni. Als Werkstudent empfand ich die Möglichkeit, studieren zu können, als Geschenk und habe äusserst zielgerichtet auf den Abschluss hingearbeitet.
Und als Dozent?
Dozieren ist für mich eine angenehme Pflicht. Jede meiner Vorlesungen sollte eine in sich abgeschlossene Einheit sein und neben dem Informations- durchaus auch Unterhaltungswert haben.
Woher stammt Ihre Affinität zu Religion und Kirche?
Meine Grossmutter, die eine sehr fromme Frau war und bei der ich meine ersten Lebensjahre verbrachte, prägte meine Verbundenheit mit der Kirche. Schon als kleines Kind fühlte ich mich in Kirchen immer wohl, später war ich Ministrant und engagierte mich in kirchlichen Jugendverbänden. Aus einfachen Verhältnissen stammend war für mich die Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott stets eine wichtige Grundlage meines Menschenbildes und meines Selbstwertgefühls.
Die Arbeit im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich und das Engagement für die Kirche haben sich bei René Zihlmann stets ergänzt. Vor allem beim Beziehungsnetz habe es Synergien gegeben. Politik, Bildung, Jugendfragen – „ich habe stets am richtigen Ort die richtigen Leute gekannt“.
forum: Inwieweit sollen die Landeskirchen Einfluss auf die Politik ausüben?
René Zihlmann: Die Kirche soll zu für sie relevanten Themen im Bereich Ethik und Gesellschaft eine klare Meinung vertreten. Damit ist sie immer auch ein Stück weit politisch. Aufgeschlossene Politiker befürworten eine Kirche, die im Staat eine moralische Kraft darstellt und eine eigene Position bezieht. Die Kirche sollte sich jedoch davor hüten, Parteipolitik zu betreiben.
Dass sich René Zihlmann nicht nur für den akademischen Nachwuchs einsetzt, sondern ihm auch Jugendliche mit geringen Chancen im Berufsalltag ein Anliegen sind, erklärt er auf der Fahrt Richtung Limmattal-Spital. Dort erwartet ihn Nermin, Elektropraktiker im dritten Lehrjahr.
Dank des von René Zihlmann initiierten Berufslehrverbundes BVZ, der jeweils drei Firmen für eine Lehrstelle zusammenschliesst, sind bisher gegen 200 Lehrstellen entstanden. So hat auch Nermin nach unzähligen Absagen schliesslich einen Ausbildungsplatz erhalten. Stolz führt er durch die krankenhauseigene Notstromanlage.
Auf der Fahrt zurück ins Stadtzentrum gerät René Zihlmann ins Schwärmen: „Ich liebe Zürich. Es ist eine kleine Stadt mit weltstädtischem Charme.“ Inmitten zwinglianischer Askese gebe es hier viel Barockes zu entdecken: „Der katholische Beitrag an Zürich liegt wohl weniger auf dem Gebiet der Theologie, sondern eher im Bereich der Kultur, wozu die Gastarbeiter mit ihrer Esskultur und ihrer Lebensfreude einiges beigetragen haben.“
forum: Welche Themen werden die katholische Kirche Zürichs in den nächsten Jahren beschäftigen?
René Zihlmann: Mit der Umsetzung des neuen Kirchengesetzes wird der Körperschaft die Arbeit nicht so schnell ausgehen, muss doch jetzt die Kirchenordnung erlassen und das Ganze umgesetzt werden. Weiter sind wichtige Geschäfte aufgegleist: Von der Jugendkirche bis zur PAZ-Stadtakademie am Limmatplatz. Es bleibt also spannend.
Was wünschen Sie der katholischen Kirche für die Zukunft?
Im Kanton Zürich wünsche ich ihr, dass sie den ökumenischen Weg weitergeht, ohne den eine Weiterentwicklung nicht möglich ist. Der Weltkirche wünsche ich, dass sie den im Konzil begonnenen Aufbruch weiterführt und so dem Menschen des 21. Jahrhunderts hilft bei der Sinnfindung und dem Gelingen des Lebens.
PIA STADLER