Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 19, 2007 Das Leben wagen
24. Sonntag im Jahreskreis – Bettag (16. September)

Das Leben wagen

Artikelaktionen

„So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt.“ Wer hat sie nicht schon selber erfahren, die Bitterkeit, die in diesen Worten liegt? Da ist ein Sohn die ganze Zeit brav zu Hause geblieben, hat nie über die Stränge geschlagen und immer schön das gemacht, was sein Vater, seine Familie und seine Umwelt von ihm erwartet haben. Und nun kommt sein kleiner Bruder nach Hause, der sich nie einen Deut um die Erwartungen der Familie geschert hat, der einfach mit seinem Erbteil abgehauen ist und durch sein zügelloses Leben sein ganzes Vermögen verschleudert hat. Und ausgerechnet für diesen Taugenichts opfert sein Vater nun das Beste, was sein Hof zu bieten hat: das Mastkalb.
„Jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern“, begründet er seine Grosszügigkeit, „denn dein Bruder war tot und lebt wieder.“ Diese Worte müssen wie Hohn klingen in den Ohren des Sohnes, der nie gegen den Willen des Vaters gehandelt hat. Aber worin liegt denn der tiefere Grund seiner Eifersucht? Zugegeben, die Situation ist etwas speziell und Jesus tut auch alles, um die Geschichte des „verlorenen“ Sohnes möglichst dramatisch zu entfalten. Aber könnte es nicht sein, dass er diese Spannung zwischen dem skandalösen Verhalten des Sohnes und der so unverhältnismässig erscheinenden Reaktion des Vaters überhaupt nur darum inszeniert, um den älteren Sohn in seiner Selbstgerechtigkeit herauszufordern? Und sind die Worte des Vaters für den Sohn nicht gerade darum so schmerzhaft, weil eben auch er in gewisser Weise „tot“ ist?
Es gibt verschiedene Weisen, lebend tot zu sein. Und fast alle haben damit zu tun, Gefangener der eigenen Angst zu sein. Angst vor Verletzungen und Enttäuschungen, Angst, Fehler zu machen, Angst, den Erwartungen der anderen nicht zu genügen, und letztlich hinter allem die Angst, nicht geliebt zu werden. Da, wo diese Angst übermächtig ist, lebt der Mensch nicht als freies Subjekt, sondern als Sklave der vermeintlichen Erwartungen der anderen.
Der ältere Sohn hat aus Angst davor, nicht geliebt zu werden, sein Leben lang alles Nötige getan, um geliebt werden zu müssen. Damit hat er nicht nur seine eigene Sehnsucht nach Leben in Freiheit unterdrückt. Er hat seinem Vater gleichzeitig die Möglichkeit genommen, ihm das zu zeigen, wonach er sich im Tiefsten gesehnt hat: Liebe. Wahre Liebe kann sich nur da äussern, wo sie nicht geschuldet ist. Da der Sohn aber stets dafür besorgt war, dass man ihm Liebe und Anerkennung schuldete, hat er sich selber die Erfahrung wahrer, geschenkter Liebe verunmöglicht. Wie so manche von uns, die immer perfekt sein müssen, die alles im Griff haben müssen und sich nie eine Blösse geben dürfen, erlebt auch er die Einsamkeit dessen, der sich unendlich nach Liebe sehnt und sie trotzdem nirgends finden kann. Dabei ist diese Liebe da, von Anfang an. Aber um das zu erfahren, muss auch er einmal die Angst überwinden und den Aufbruch wagen. Was immer passiert, tiefer als sein Bruder kann er nicht fallen. Aber sein Vater hat dann vielleicht endlich die Gelegenheit, auch für ihn ein Fest zu feiern und ihm frei die Liebe zu schenken, die er ihm bisher immer nur geschuldet hat: „Denn mein Sohn war tot und lebt wieder.“

BEAT ALTENBACH SJ
HOCHSCHULSEELSORGER, AKI

Artikelaktionen
"Dein Bruder war tot und lebt wieder." Lukas 15,32. FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER