Wo Inkunabeln baden gehen
Reproduktionen alter Holzschnitte säumen die Treppe zur Buchbinderei: „Der Papyrer“, „Der Permennter“, „Der Läderer“, „Der Goldschlager“ und „Der Buchbinder“ führen hinauf zum klösterlichen Atelier, in dem Periodika und interne Drucksachen gebunden und die kostbaren, zum Teil arg beschädigten Bestände der Stiftsbibliothek restauriert werden. Zuoberst auf der Prioritätenliste jedoch steht im Moment die Konservierung der 900 Laufmeter Akten, Bücher, Notizen, Manuskripte und Urkunden des Archivs. Die Feuchtigkeit in den Klosterräumen sowie der ständige Wechsel von Wärme und Kälte haben den Mappen in den 56 Holztruhen im Laufe der Jahrhunderte zugesetzt. Zurzeit werden die Archivräume renoviert, die Dokumente – darunter über 1000 Handschriften – sind im Staatsarchiv Schwyz ausgelagert. Von dort werden sie jetzt etappenweise zu Beat Frei in „Behandlung“ gebracht, um 2011, wenn die Archivbestände in die neuen Räume in Einsiedeln rückgeführt werden können, Schrift-, Bild- und Einbandverlust zu vermeiden.
VON GEBROCHENEN RÜCKEN …
Konzentriert sitzt der 36-jährige Buchbinder am langgezogenen Pult vor dem Fenster über ein aufgeschlagenes Missale gebeugt. Seine feingliedrigen Hände stecken in weissen Handschuhen – Schweisspartikel würden die Farben beschädigen. Vorsichtig pinselt er eine 50-prozentige Alkohollösung auf einen Klebstreifen, der teilweise die kunstvoll ausgestaltete Initiale bedeckt. Mit Schaber und Pinzette versucht er den Fremdkörper anschliessend zu entfernen, ohne dabei das Pergament zu beschädigen oder die Federzeichnung anzukratzen. Präzisionsarbeit, die eine ruhige Hand und Geduld erfordert. Und Zeit, viel Zeit.
Auf dem grossen Korpus in der Mitte des Raumes stapeln sich Bücher, bei denen einzelne Seiten oder der ganze Block herausgefallen sind; Bücher mit gebrochenem Rü-cken oder Einbänden, bei denen sich das Ober- vom Unterleder löst; Graphiken, bei denen sich das säurehaltige Papier aufzulösen droht, und Urkunden, die auseinanderbröckeln. Arbeit, sagt Beat Frei, der die Buchbinderei seit 1994 alleine führt, böte das Kloster Einsiedeln einem ganzen Heer von Buchrestauratoren. Man denke nur an die 1280 Handschriften, die 1080 Bände Inkunabeln und Frühdrucke und die Viertelmillion Bücher der Bibliothek. Feuer, Wasser, Pilze, Insekten und Nagetiere haben die wertvollen Bestände teilweise stark beschädigt. „Der grösste Feind des Buches aber ist der Benützer“, betont Beat Frei. Fingerabdrücke hinterlassen Spuren auf dem Schriftbild und den Illustrationen, unsorgfältiges Blättern führt zu Rissen im Buchrücken und in den Seiten. „Zudem war in früheren Jahrhunderten auch das aufwendig gestaltetste Buch ein Gebrauchsgegenstand, den man, wenn man ihn nicht mehr benötigte, zu mindest teilweise weiter verwendete.“ So war es denn keine Seltenheit, dass man einem Buch, das ausgedient hatte, einzelne Seiten herausriss, um das Pergament anderweitig zu gebrauchen.
Beat Frei bleibt ob all der Arbeit, die seiner harrt, gelassen: „Bücher sind geduldig …“ Zudem führe Stress meist zu Fehlern und diese wiederum zu weiteren, noch kostspieligeren Restaurationsmassnahmen.
… UND ENTSPRECHENDEN MASSNAHMEN
„Mein Ehrgeiz ist es, auch die kleinsten Fragmente eines Schriftstückes zu konservieren“, sagt Beat Frei. Dabei sei bereits die Planung der angezeigten Massnahmen ein grosser Aufwand. Da werden pilzgeschädigte Inkunabeln (Frühdrucke zwischen 1450 und 1500) gewässert, damit sich das Papier neu verfilzt. Pergament wird in feines Japanpapier eingebettet und so fixiert, um den Zerfall zu stoppen. Wasserränder lassen sich in einem aufwändigen Verfahren in einer Alkohol-Wasser-Lösung entfernen. Sehr stark geschädigte Bücher werden neu gebunden und anschliessend oft in einem massgefertigten Schuber aufbewahrt. Fazikel (einzelne Handschriften) werden in einem Umschlag geheftet oder in Schachteln abgelegt.
Beat Frei schätzt die Vielseitigkeit seines Berufes: „Und dass man immer ein positives Resultat sieht.“ Seine Leidenschaft sind die alten, schweren, in stundenlanger Handarbeit hergestellten Bücher. Und die Geschichten, die mit ihnen durch die Jahrhunderte verbunden sind. Ihnen nachzuspüren, wird ihn noch jahrelang ans Kloster binden. Zumal: „Wir sind ja hier nicht irgendein Kloster, sondern Einsiedeln.“
PIA STADLER