Was ist Gnosis?
Behauptung: Die geheimen gnostischen Evangelien wurden von der Kirche bekämpft, weil sie zu leibfreundlich waren und Jesus nicht als göttlich, sondern als normalen Menschen darstellen.
Und das meint der Decoder dazu: Gewisse apokryphe Evangelien – das sind jene Evangelien, die nicht ins Neue Testament aufgenommen wurden, wie beispielsweise das Thomas- oder das Judas-Evangelium – sind gnostisch beeinflusst. Gnosis (griechisch: Wissen, Erkenntnis) bezeichnet eine im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. weit verbreitete, jedoch uneinheitliche religiöse Lehre, die philosophisches, jüdisch-christliches und heidnisches Gedankengut vermengt. Ziel des Gnostikers ist, durch Wissen über sein wahres Wesen, seine Herkunft und seine Bestimmung zur Erlösung zu gelangen.
Gnostisches Denken ist radikal dualis-tisch: Licht, Geist, Wissen, Jenseits auf der einen Seite – Dunkel, Materie, Verblendung, Diesseits auf der anderen. Nach gnostischer Vorstellung ist unsere Welt nicht das Werk eines guten Schöpfergottes, sondern eines minderwertigen, bösen Dämons, des so genannten Demiurgen. Das Materielle, Körperliche sollte es eigentlich gar nicht geben, denn es hält die Geistseelen gefangen und beraubt den Menschen seiner wahren Identität. Entsprechend negativ wird in der Gnosis die Sexualität bewertet, die ja stets neue „Seelenkerker“ hervorbringt. Auch Christus wird dualistisch gesehen: Für den Gnostiker ist Jesus ein reines Geistwesen, kein wirklicher Mensch, denn er hatte nur einen Scheinleib angenommen, um die Herrscher der bösen Welt zu überlisten. Man sieht, Romanschreiber Dan Brown irrt komplett, wenn er behauptet, in den gnostischen Evangelien hätten wir es mit einem menschlicheren Jesus zu tun.
Für die junge Kirche war die Gnosis eine ernst zu nehmende Konkurrenz. Die Lehre einer Seelenwanderung, die Suche nach dem göttlichen Funken in jedem Menschen, die Ansicht, dass prinzipiell jeder Privatoffenbarungen empfangen könne und es keine kirchliche Autoritäten brauche, die sagen, was wahr ist und was nicht – all das übte eine grosse Anziehungskraft auf die Menschen aus. Kein Wunder also, dass die Kirche gnos-tische Lehren vehement bekämpft hat. Denn obwohl die Gnosis gewisse Elemente dem Christentum entlehnt hat, gibt es unüberbrückbare Gegensätze zwischen beiden Glaubenssystemen, am greifbarsten in der Frage der Erlösung: Während für Christen Erlösung unverdiente Gnade bedeutet, schickt sich der Gnostiker an, das richtige Wissen zu erlangen, um sich selber zu erlösen. Der erleuchtete gnostische Mensch erkennt, woher er kommt, wer er ist und wie es sich mit Gott verhält. Er entdeckt den göttlichen Funken in sich. Selbsterkenntnis wird damit zu Gotteserkenntnis.
Und übrigens, wer glaubt, die Frauen hätten in der Gnosis einen besseren Status als in der Bibel – wie Dan Brown dies an einigen Stellen suggeriert –, wird enttäuscht. Laut Thomas-Evangelium müssen nämlich Frauen zu Männern werden, um ins Himmelreich zu gelangen.
JUDITH HARDEGGER