Neue Aufgaben für alte Werte
forum: Wie sind Sie zufrieden mit dem Resultat des Generalkapitels?
Sr. Anne Roch: Ich bin sehr zufrieden. Wir sind zum Beschluss gekommen, dass wir mit anderen Menschen, die das gleiche Ziel verfolgen, für eine bessere Welt zusammenarbeiten wollen. Die Menzinger Schwestern werden sich aktiver und bewusster als bisher für Menschenrechte und Menschenwürde einsetzen. Das war meine Vision und die wird nun konkret.
Das Thema des Generalkapitels hiess:
„Unserer Welt ein menschlicheres Gesicht geben“. Wie kam es dazu?
Vor sechs Jahren hatten wir uns vor allem mit der eigenen Identität und Spiritualität beschäftigt. Ich wollte, dass sich die Kongregation für die Welt öffnet. Die Beschäftigung mit sich selber war wichtig. Nun war es an der Zeit, dass wir uns nach aussen orientieren.
Wie sind Sie das Thema angegangen?
Zuerst beschäftigten wir uns mit dem Wortlaut der Menschenrechtskonvention, der Bibel und dem Auftrag unserer Gründer. Darin suchten wir nach Ansatzpunkten zum Thema Menschenrechte – Menschenwürde. Das war ein sehr guter Einstieg. Danach haben wir uns eine Woche lang von Menschen aus der Praxis inspirieren lassen.
Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft haben über Ihre Arbeit informiert. Was hat das den Schwestern gegeben?
Sie haben uns gezeigt, dass in ganz verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen am gleichen Thema gearbeitet wird. Frau Calmy-Rey hat uns sehr beeindruckt. Sie kam ohne Bodyguard zu uns, hat mit uns gesprochen und gezeigt, dass sie sich für die Armen engagiert. Die Schwestern haben bemerkt: Aha, wir können auch mit Politikern zusammenarbeiten – nicht nur mit Leuten aus der Kirche. Das hat einen entscheidenden Kick gegeben.
Sie arbeiten mit 2000 Schwestern in vier Kontinenten. Wo liegen denn die Menschenrechte am meisten im Argen?
Eigentlich überall, wenn auch mehr oder weniger stark. Wenn in Indien Korruption vorherrscht und das Geld für die Schulen privat eingesteckt wird, ist das eine Missachtung von Menschenrechten. Auch dann, wenn Frauen in Afrika nicht lesen und schreiben können und deshalb fast gratis arbeiten. In Lateinamerika haben wir festgestellt, dass die Ureinwohner nach wie vor benachteiligt sind: in der Schule oder bei der Arbeit.
Die Menzinger Schwestern arbeiten seit der Gründung des Ordens intensiv im Bereich Bildung und Gesundheit und damit an einer besseren Welt, an Menschenrechten und Menschenwürde. Welches sind denn die neuen Akzente?
Wir möchten uns vermehrt öffnen und mit anderen Organisationen zusammenarbeiten. Bis heute waren wir stark mit unseren Schulen und Spitälern beschäftigt; dort waren wir wichtig und anerkannt. Den Schwestern war es zudem ein Anliegen, an unserer Basis festzuhalten: an Jesus und unseren Gründervätern.
Was ist neu?
Vielleicht die Sprache, Begriffe wie Rechte und Würde des Menschen. So haben wir bisher nie gesprochen. Aber auch, dass wir vermehrt aktiv für diese Werte einstehen wollen. Ordensfrauen halten mit Meinungen in der Regel lieber zurück. Wir haben bemerkt, dass wir vermehrt Stellung beziehen müssen. Wir nehmen die Verletzung der Menschenrechte vor Ort wahr und dort wollen wir aktiv gegen sie angehen.
Sie haben eine Art Resolution gefasst, die konkrete Schritte enthält. Am Kapitel waren über 50 Schwestern aus vier Kontinenten mit unterschiedlichen Sprachen und Mentalitäten beteiligt. Wie hat man sich geeinigt?
Die vierwöchige Arbeit am Thema war ein Prozess. Am Ende hatten wir uns schnell gefunden. Schwieriger war, die einzelnen Formulierungen zu finden. Aber es lief wirklich gut. Es gab in der Vergangenheit Generalkapitel, an denen es zu starken Gegensätzen gekommen war. Uns hat sicher die seriöse Vorbereitung geholfen.
Wie werden die Entscheide nun umgesetzt?
Am Generalkapitel wurde ein Thema erarbeitet, das alle Menzinger Schwestern auf der ganzen Welt beschäftigt. Das verbindet und eint uns. Während der vier Wochen wurden Vorschläge erarbeitet, wie die Thematik in den vier Kontinenten umgesetzt werden kann. Die Schwestern kehren nun heim in ihre Provinzen und dort überlegen sie sich mit ihren Mitschwestern zusammen, wie sie das Thema aufgrund der Bedürfnisse und Probleme vor Ort umsetzen.
Sie hatten eine Vision, und es ist Ihnen gelungen, am diesjährigen Generalkapitel einen Funken überspringen zu lassen. Gleichzeitig haben Sie sich persönlich für den Rückzug als Generaloberin entschieden. Warum?
Weil ich einerseits das Alter für einen Rücktritt erreicht habe und weil andererseits diese Aufgabe sehr viel Kraft fordert. Ich bin froh, wenn ich nun diese Arbeit in andere Hände legen darf. Der Funke sprang tatsächlich über!
INTERVIEW: BERNADETTE KURMANN