Liebe Leserin, lieber Leser
Früher, als die Welt noch in Ordnung war, wurden auf dem Pausenplatz Fussballbildchen fürs Sammelalbum getauscht – heute kursieren unter den Halbwüchsigen „Happy slapping“-Videofilmchen. Beim „Happy slapping“ verprügeln Jugendliche zum Spass
einen zufällig dahergelaufenen Passanten, filmen das Ganze und stellen die Aufnahmen ins Internet oder verbreiten sie
per Handy. Früher spielten Kinder „Räuber und Poli“ – heute ballern sie in Videospielen herum. Früher lasen Jugendliche heimlich die Dr.-Sommer-Seite des „Bravo“ – heute wissen sie mehr über Sex als mancher Erwachsene. Was ist nur mit der Jugend los?
Zugegeben, ich bemühe Klischees, und zugegeben, früher war auch nicht einfach heile Welt. Dennoch ist an meiner überspitzten Aufzählung was Wahres dran. Wie auch daran, dass von Jugendlichen verübte Gewalttaten zunehmen,
dass die Jugendpsychiatrie einen riesigen Zulauf verzeichnet und dass sich immer mehr Lehrpersonen bedroht fühlen.
Das ist die eine Seite.
Die andere: Kindererziehung ist eine mühsame und anstrengende Angelegenheit, so dass Eltern der Versuchung,
im Konfliktfall nachzugeben, statt Grenzen zu setzen,
nicht selten erliegen. In einer Gesellschaft, die dem kollektiven Jugendlichkeitswahn verfallen ist, können sich Jugendliche immer schwerer abgrenzen. Wenn Mütter wie Teenies rumlaufen, müssen sich die pubertierenden Töchter schon was ziemlich Extravagantes einfallen lassen, um noch aufbegehren
zu können. Und wer den Ansprüchen von Gesellschaft und Wirtschaft nicht genügt und dem Leistungsdruck nicht standhält, hat keine rosigen Zukunftsaussichten.
Die Frage, was nur mit der Jugend los ist, muss differenziert angegangen werden. Darum bemüht sich seit Jahren
Jan-Uwe Rogge, der im September beim Jugendseelsorgeforum referieren wird.
JUDITH HARDEGGER