Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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21. Sonntag im Jahreskreis (26. August)

Dem Leiden zum Trotz

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Eine zweischneidige Bibelstelle: „Züchtigung“ – welch erschreckendes Wort, man sieht die Rute förmlich vor sich. Im Griechischen werden die Begriffe „erziehen“ und „züchtigen“ mit dem gleichen Wort bezeichnet. Schläge als Zeichen der Liebe? Wie viele Eltern werden sich mit diesem Satz gerechtfertigt haben, wenn sie ihre Kinder prügelten? Wie viele gläubige Menschen werden Glauben mit Leiden gleichgesetzt haben?
Wenn ich gesund und glücklich, leistungsfähig und begleitet von lieben Menschen durch mein Leben gehe, darf ich gerade darin ein Zeichen der Liebe Gottes sehen und sagen: Wen Gott liebt, den beschenkt er.
Die meisten Menschen, die von einem schweren Schlag getroffen werden, neigen dagegen dazu, die Schuld bei sich selber zu suchen. Wenn sie ihr Leid als Strafe verstehen, machen sie es sich nur noch schwerer, weil sie sich selber abwerten. Ich bin überzeugt, dass die Kirche gut daran getan hat, das Bild vom strafenden Gott zu korrigieren. Diese Erklärung ist zu einfach: Den einen wird schweres Leid erspart, andere – gute Menschen – müssen unendlich schwer leiden. Viel Leiden entsteht durch Ungerechtigkeit und muss nicht in erster Linie ausgehalten oder demütig angenommen, sondern bekämpft und gelindert werden.
Nach diesen kritischen Einwänden möchte ich nun aber doch auch auf etwas Bedenkenswertes hinweisen: Gläubige Menschen, die viel Schweres durchmachen müssen, verzweifeln an Gott und seiner Liebe. Das war schon in biblischer Zeit so. Eine mögliche Antwort fand der Verfasser des Hebräerbriefs im Buch der Sprichwörter im Satz von den Schlägen als Zeichen der Vaterliebe. Er sieht die Schläge sogar als Auszeichnung für die ehelichen Söhne. Denn die unehelichen Söhne, die dem Vater wesentlich gleichgültiger sind, schlägt er nicht. Nicht Strenge ist das Gegenteil von Liebe, sondern Gleichgültigkeit.
Kein glaubender Mensch kommt um die Frage nach dem Sinn des Leidens herum. Warum hat Gott die Welt so gemacht, wie sie ist – mit Leiden und Sterben, mit Naturkatastrophen und schwer behinderten Kindern? Die tastende Antwort geht dann wohl doch in die Richtung, dass Gott irgendetwas bezwe-cke damit, dass Leiden einzelne Menschen auch wachsen und reifen lässt. So wie die Verletzung durch ein Sandkorn erst die Perle in der Muschel entstehen lässt, kennen wir Personen, die durch Leiden zu wunderbaren Menschen geworden sind. Auch im Rückblick auf das eigene Leben möchte man die Zeiten des Leids nicht missen, weil man kaum je so viel gelernt hat. Ohne das Leiden verherrlichen zu wollen, sind wir damit wieder beim Leiden als „Erziehungsmethode“ Gottes. „Züchtigen“ gehört auch in der deutschen Sprache in die Wortfamilie von „ziehen“, wie auch „er-ziehen“. Es gibt dabei nicht nur die militärische „Zucht“, sondern auch die Pferdezucht oder die Rosenzüchterin, welche die schönsten Blumen hervorbringt.
Dietrich Bonhoeffer konnte einige Monate vor seinem Märtyrertod schreiben:
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittren,
des Leids gefüllt bis an den Höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Den grössten Trost angesichts unabwendbaren Leids finden wir in Jesus Christus am Kreuz. In ihm hat Gott freiwillig den grössten Schmerz und die äusserste Erniedrigung geteilt und so unter die Verheissung der Auferstehung gestellt.

GISELA TSCHUDIN,
GEMEINDELEITERIN ST. MARTIN

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"Wen der Herr liebt, den züchtigt er." Brief an die Hebräer 12,6. FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER