„Im Vatikan gibt es zu wenig Frauen“
Pater von Gemmingen, Sie wünschen sich Änderungen in der katholischen Kirchenleitung. Welche?
Eberhard von Gemmingen: Im Vatikan gibt es zu wenige Frauen. Auch wenn schon manche hoch gebildete Dame den Vatikan berät, so fehlt das weibliche Element doch noch ziemlich. Vor allem die nachkonziliaren Räte für Familie, Laien, Krankenpastoral, Kultur, Medien, Nothilfe und einige andere könnten weiblicher werden. Es hat sich ja herumgesprochen, dass Frauen viele Fragen anders sehen und angehen. Sowohl die Stäbe wie auch die übergeordneten Gremien sollten weiblicher und auch internationaler sein. Anfänge sind gemacht, aber sie reichen nicht. Es geht nicht um Frauenquoten, sondern um das, was Papst Johannes Paul II. einmal den weiblichen Genius genannt hat.
Aber sitzen denn nicht die entscheidenden Leute in den einmal jährlich tagenden Aufsichtsbehörden, die die Räte und Kongre-gationen überwachen?
Gerade hier fehlt mir das weibliche Element. Kardinäle und Bischöfe mögen hervorragende Theologen sein, aber für profane Sachfragen haben sie kein eigenes Charisma erhalten. Hier sollte die Zahl der Frauen schrittweise vermehrt werden. Zwischen den Theologen sollten weibliche Fachleute sitzen. Denn hier braucht es Sachverstand, ohne dass gleich ein Umzug nach Rom nötig wäre.
Gibt es Leute an der Kurie, die für solche Überlegungen aufgeschlossen sind?
Selbstverständlich. Aber auch im Vatikan gibt es wie anderswo in der Kirche ein bestimmtes Beharrungsvermögen. Die Kirche legt ja Wert auf Tradition. Dazu kommt, dass bis zum Konzil ohnehin hauptsächlich Pries-ter in den Vatikanbehörden arbeiteten. Sie sind leichter versetzbar. Familienväter und
-mütter sind tendenziell stärker ortsgebunden, und sie müssen ja auch eine Familie ernähren.
Wie könnte dann eine solche Änderung zu Stande kommen – durch eine päpstliche Antidiskriminierungsrichtlinie?
Ein Machtwort des Papstes wäre der beste Anfang. Denn man müsste schon sehr energisch drangehen. Vor allem wird man sich
mit dem Gegenargument auseinandersetzen müssen, wie man Laien für eine begrenzte Amtszeit in den Vatikan berufen und sie anständig bezahlen kann. Man muss sich der Frage stellen, wo die Kinder zur Schule gehen, was die Ehemänner zum Umzug sagen. Vielleicht kommen hauptsächlich Frauen in Frage, die die Kindererziehung hinter sich haben. Aber wenn man einmal erkannt hat, wie wichtig Frauen in vielen Vatikanämtern wären, dann wird man auch Wege finden.
Und wie dem italienischen Übergewicht zu Leibe rücken?
Der Vatikan muss auf jeden Fall systematischer internationalisiert werden. In Zukunft sollten seine Mitarbeiter nicht lebenslang, sondern nur auf Zeit berufen werden. Bisher wurde ein guter Teil des Personals von den oft italienischen Vorgesetzten nachgezogen. Das hat Vorteile, aber auch Schattenseiten. Ich meine, grundsätzlich sollte der Vatikan periodisch seinen Personalbedarf den Bischofskonferenzen mitteilen und um Entsendung von Geeigneten bitten.
Dann könnten die Ortsbischöfe rechtzeitig überlegen, wen sie nach Rom schicken, zunächst auf fünf Jahre, dann verlängerbar um jeweils fünf weitere Jahre. Danach aber sollten in der Regel viele in ihre Heimat zurückkehren. Das wäre auch eine gute Massnahme, um dem Karrierismus in der Kirche zu begegnen, den auch Papst Benedikt XVI. kritisch sieht.
Was wäre das höchste Amt, das eine Frau bekleiden könnte?
Mir hat einmal ein sehr päpstlich orientierter Kirchenmann einen Traum erzählt, nämlich dass Mutter Teresa Kardinal sein könnte und damit auch das Recht hätte, den Papst zu wählen. Ich hatte einen ähnlichen Traum, nämlich dass der Papst beim nächsten Konklave von 60 Kardinälen und 60 aus der ganzen Welt delegierten Frauen gewählt wird. Zur Papstwahl braucht man ja keine Weihe. Das klingt naiv, aber manchmal führen gerade naive Vorschläge weiter. Eine weniger utopische Gegenfrage: Wenn 80 Prozent aller Ordensleute weiblich sind, warum soll eigentlich an der Spitze der für sie zuständigen Vatikanbehörde nicht eine Schwester stehen? Dafür braucht man keine Weihe, sondern nur den Glauben an den lieben Gott und Sachverstand.
INTERVIEW: CHRISTOPH RENZIKOWSKI / KIPA