SOS Narrenschiff
Zum Glück war die Badesaison bislang durchzogen. Meine Figur verfügt nämlich über reichlich innere Werte. Und obwohl ich dementsprechend beachtliche Kurven auf mir trage, war ich für die Beachvolleyball-WM nicht nur aus sportlichen Gründen kein Thema.
Ich will mich darüber nicht beklagen, denn immerhin wird meiner Frau bei meinem Anblick nicht übel, meine Badehose bestelle ich noch nicht beim Zeltmacher und meine Schnürsenkel binde ich nach wie vor eigenhändig. Trotzdem lässt sich nicht vermeiden, dass ein Anfall von Textilnostalgie dazu führt, dass ich beim Versuch, in meine langjährige Lieblingshose zu steigen, in ächzende Wehmut ausbreche. Was ich früher nur widerwillig in die Wäsche gab, kann ich heute nicht länger als dreissig Sekunden ertragen, gerade so lange, wie es mir gelingt, die Luft anzuhalten.
Von Zeit zu Zeit packt deshalb auch mich unbändiges Schlankheitsbegehren. Und weil es bis zum wettkampfmässigen Klassentreffen oder den erholungsstressigen Strandtagen nur noch drei Tage hin sind, entschliesse ich mich zur Radikalkur: Ich trinke ausschliesslich entkalktes Wasser, esse Salat ohne Dressing und sauge genussvoll den Duft von Erdbeeren in mich auf. Den Rest meiner Zeit starre ich ausgehungert, aber schwindsüchtig in die vollen Teller meiner Familie.
Tatsächlich nehmen nun Gewicht und Laune rapide ab – bereits nach einem Tag bin ich um fünfhundert Gramm leichter und ein paar Freunde ärmer. Aber dann, am zweiten Tag bereits, der Rückfall in meine finstere Mittelalterlichkeit: Innerhalb von zwei Stunden leere ich den Kühlschrank, nehme mir anschliessend im Keller eine Dose Sardinen und eine Tube Tomatenmark vor und zu unbeherrschter Letzt eine Packung Reiswaffeln. Erneut hat mein ungestählter Körper über meinen zarten Hang zur Askese triumphiert.
Dann, auf dem Tiefpunkt meiner Körperkultur, treffen die ersten guten Ratschläge ein. Ratschläge wie: „Versuche es doch einmal mit Rohkost. Sie ist wahnsinnig gesund, du wirst garantiert abnehmen, ohne es zu spüren – und, stell dir vor, sie schmeckt sogar.“ – Es ist dieser Nachsatz, der mich all meinen Schlankheitsträumen zum Trotz irritiert. Ich stelle mir dann nämlich vor, wie ein analoges „Lob der Ehefrau“ klingen würde: „Sie ist sparsam, sie putzt unheimlich sauber – und, stell dir vor, ich habe sie sogar gern.“
Bald ist der Sommer vorbei, ich kann wieder ausatmen und mein barockes Interieur mit dicken Pullis kaschieren. Von allen guten Ratschlägen wird nur der eine wirklich sinnvolle die Saison überdauern. Meine Frau füttert mich damit seit Jahren: „Ändere deine Essgewohnheiten. Verzichte auf den vierten Teller Spaghetti aus Gluscht, die Tafel Schokolade für den argen Hunger zwischendurch und überlass mir die Packung Chips für den glücklichen Schlaf.“
Eintrag ins Logbuch: In keiner Religion tummeln sich so viele Asketen wie im Schlankheitskult. Für Katholiken gibt es zum Glück den Heiligenkalender mit ein paar währschaften Essern drauf.
THOMAS BINOTTO