Paulus unter Philosophen
Das Gemälde des Leo von Klenze zeigt den erhabenen Mittelpunkt des antiken Athen, die Akropolis mit der Statue der Göttin Athene und ihrem Tempel, dem Parthenon, sowie verschiedenen anderen Heiligtümern. Mit der Szene im Vordergrund hat der Maler wohl das Auftreten eines Philosophen auf dem Areopag gemeint.
Als Paulus 52 n. Chr. nach Athen kam, war das goldene Zeitalter der Stadt schon fast ein halbes Jahrtausend vorbei. Längst vorbei war die griechische Klassik mit Künstlern wie Pheidias und Polyktet, mit Dichtern wie Aischylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes, mit Geschichtsschreibern wie Herodot und Thukydides, mit Philosophen wie Anaxagoras, Sokrates, Platon und Aristoteles, mit Staatsmännern wie Themistokles und Perikles. Zur Zeit des Paulus war die einstige Metropole zu einer nach Grösse und wirtschaftlichem Einfluss unbedeutenden Provinzstadt geschrumpft. Korinth hatte damals etwa zehnmal so viel Einwohner und war ein viel bedeutenderes Handelszentrum. Athen dagegen lebte vor allem von seiner ruhmreichen Vergangenheit. Die religiös geprägten Spiele und Feste lockten nach wie vor viele Gäste an, vor allem die grossen Panathenäen, Kulthandlungen und Wettkämpfe zu Ehren der Stadtgöttin, die alle vier Jahre stattfanden. Zudem suchten die schon damals zahlreichen Bildungstouristen ehrfürchtig nach Spuren der berühmten Dichter und Denker, Bildhauer und Architekten. In der geistigen Elite Roms galt es als schick, dort ein paar Semester Philosophie oder Rhetorik zu studieren. Die Philosophenschulen der Epikureer und Stoiker erfreuten sich grosser Beliebtheit, aber auch Künste und Wissenschaften standen noch immer in hohem Ansehen. Im Zeichen des Philhellenismus fand die Stadt manchen Gönner und gehörte darum in der frühen Kaiserzeit zu den privilegierten Städten im Römischen Reich.
Auf seiner zweiten Missionsreise erreichte Paulus Athen vermutlich auf dem Seeweg über Piräus. Von Thessalonich und Beröa in Mazedonien kommend war er unterwegs nach Korinth. Historisch gesehen war sein Aufenthalt in Athen kaum mehr als eine Zwischenstation. Es scheint, dass er da auf einen oder mehrere seiner Mitarbeiter wartete, die er nochmals nach Thessalonich zurückgeschickt hat, wie er später in seinem Brief an die dortige Gemeinde schrieb. Darin erfahren wir auch, dass er „allein in Athen“ zurückblieb (1 Thess 3,1–2). Nach Alfons Weiser scheint diese Aussage „etwas von dem auszudrücken, was für seinen Athen-Aufenthalt charakteristisch war: Paulus blieb in Athen einsam. Seine eigenen Aussagen lassen nicht erkennen, welche Bemühungen er unternahm, in dieser Stadt der Kultur und Bildung eine christliche Gemeinde zu gründen – gewiss ist nur, dass in urkirchlicher Zeit keine entstand. Seine Predigt blieb wahrscheinlich erfolglos und er selbst mass seinem Aufenthalt und Wirken in dieser Stadt keine besondere Bedeutung bei.“
ZWISCHEN GRIECHISCHEM GEDANKENGUT …
Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, hat dagegen aus spärlichen Angaben über die Predigttätigkeit des Paulus in Athen eine grandiose Szene mit einer ausgeklügelten Rede gestaltet, die zu den schriftstellerischen Höhepunkten seines Buches gehört und in dessen Mitte steht (Apg 17,16–34). Die Stadt mit ihrer reichen Kultur war für ihn der prädestinierte Ort für eine Begegnung und Konfrontation zwischen griechischem Gedankengut und christlicher Überzeugung.
Der wartende Paulus macht einen Spaziergang und regt sich als frommer Jude über die vielen Götterbilder auf. Wie üblich geht er auch in die Synagoge, um zu lehren. Eher ungewöhnlich ist, dass er auch in die Agora geht, um sich mit den Leuten zu unterhalten: „Auf dem Markt sprach er täglich mit denen, die er gerade traf.“ Lukas wollte hier wohl bewusst an Sokrates erinnern, der einst auf dem Markt die Leute ansprach, Fragen nach der Wahrheit stellte und mit ihnen diskutierte. Nebenbei sei erwähnt, dass auf frühen Darstellungen Paulus grosse Ähnlichkeit mit Bildern des Sokrates aufweist. Beide sind kahlköpfig und bärtig, zudem ähnlich gekleidet. Paulus soll dem griechischen Philosophen und Intellektuellen gleichen, als solcher hat er nach Lukas auch aufzutreten. Die epikureischen und stoischen Philosophen, mit denen er disputiert, reagieren unterschiedlich auf ihn. Überheblich nennen ihn einige einen „Körnerpicker“, der sich die geistigen Brocken überall zusammensucht, um sie in seine geschwätzige Rede einzubauen. Andere nennen ihn abschätzig „Verkünder fremder Gottheiten“. Offenbar haben die Hörer die Verkündigung des Paulus, die ihnen befremdlich und exotisch vorkam, „dahingehend missverstanden, als wolle er ein neues Götterpaar bekannt machen, den Gott „Jesus“ und die Göttin „Anastasis“ (= Auferstehung)“, wie Rudolf Pesch feststellt.
Aber ihre Neugier ist geweckt, sie möchten noch mehr von ihm hören, und sei es nur zur Abwechslung und Unterhaltung. Sie nehmen ihn mit auf den Areopag, den nordwestlich der Akropolis gelegenen Aresfelsen, wo es ruhiger ist als auf dem lärmigen Marktplatz. Das Wort „Areopag“ ist zwar doppeldeutig, es kann auch die athenische Behörde für Erziehung und Wissenschaft bezeichnen, die früher auf dem Areshügel, zur Zeit des Paulus aber andernorts tagte und gelegentlich auch Lehrinhalte zu beurteilen hatte. Der Ausdruck dürfte hier aber den Ort bezeichnen und nicht die Behörde, da Paulus weder vorgeladen wurde, noch sich zu verteidigen hatte. Es geht Lukas um den altehrwürdigen Ort vor der grossartigen Kulisse der Akropolis, wo er seinen Helden als geistreichen und eloquenten Redner auftreten lässt.
In seiner Rede (Apg 17,22–31), deren ausführliche Lektüre empfohlen sei, kommt er seinen Zuhörern zuerst entgegen, indem er sie besonders fromm nennt, wobei er allerdings einen Begriff verwendet, der sowohl Frömmigkeit als auch Aberglauben meint. Paulus begründet sein Kompliment damit, dass er bei der Besichtigung der Heiligtümer einen Altar gefunden habe mit der Aufschrift: „Einem unbekannten Gott“. In Wirklichkeit hat es einen solchen Altar höchstwahrscheinlich nie gegeben. Literarisch bezeugt sind dagegen Altäre, die einer Mehrzahl unbekannter Götter gewidmet waren. Jürgen Roloff meint dazu: „Man wollte sichergehen, keine Götter aus dem grossen Pantheon bei der kultischen Verehrung zu übersehen und sich dadurch deren Zorn zuzuziehen; deshalb bedachte man neben den bekannten auch die unbekannten Götter mit Altären.“ Lukas dürfte den Plural selber in einen Singular verwandelt haben, weil das besser in die Konzeption seiner Paulusrede passte. Diese sollte ja den einen Gott der Bibel verkünden: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“
… UND CHRISTLICHER ÜBERZEUGUNG
Auch im Folgenden knüpft der Redner geschickt an Vorhandenes an und führt es weiter, indem er philosophische Gedanken mit biblischer Theologie ergänzt. Es geht um Gott, der Welt und Menschen erschaffen hat, um das Verhältnis der Menschen zu Gott und um Fehlformen der Gottesverehrung. Schliesslich endet die Rede mit der Aufforderung zur Umkehr, der Ankündigung des Gerichtes und dem Hinweis auf den Richter, den Gott von den Toten erweckt hat.
Das finden die Zuhörer lächerlich. Auf die Botschaft von der Auferstehung der Toten reagieren die einen mit ablehnendem Spott, andere vertrösten ihn unverbindlich auf eine spätere Gelegenheit, bei der sie darüber etwas hören möchten.
„So ging Paulus aus ihrer Mitte weg.“ Ist er mit seiner brillanten Rede gescheitert? So könnte man es sehen. Lukas sah es vermutlich anders. Nicht die Predigt war misslungen, sondern die Zuhörer haben versagt. Trotz Bildung und Erkenntnis fehlte ihnen die Offenheit für die von Paulus verkündete Botschaft. „So ging Paulus weg aus ihrer Mitte.“ Sein Weg führte ihn weiter nach Korinth, aber das ist eine andere Geschichte.
Zuletzt wird notiert, dass die Predigt nicht ganz ohne Echo blieb, sondern dass doch einige Menschen zum Glauben fanden. Ausdrücklich erwähnt werden eine Frau namens Damaris und ein gewisser „Dionysos, der Areopagit“, vielleicht ein Mitglied des Areopags. Dieser soll später der erste Bischof von Athen geworden sein.
Aber das Christentum gewann in Athen erst im 5. Jahrhundert wirklich an Bedeutung. Auch architektonisch kam es zu einer Verbindung zwischen Antike und Christentum, denn es gab kaum ein bedeutendes antikes Bauwerk, in das nicht eine christliche Kirche eingebaut worden wäre.
WALTER ACHERMANN