Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Neuausrichtung der Stiftsschule Einsiedeln

Mit Herz und Verstand

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In Einsiedeln herrscht Aufbruchstimmung. Mit dem neuen Schuljahr wird das Klosterinternat wieder eröffnet – für Knaben wie für Mädchen. Die Stiftsschule ist jetzt eine Tagesschule, und auch sonst ist allerhand anders als früher.

Peter Lüthi passt in die Stiftsschule. Er ist nicht nur Deutschlehrer und Rektor, sondern auch Präsident des Fussballclubs Aegeri. Damit lebt er vor, was das neue Schulleitbild propagiert: Ganzheitlichkeit. Vom neuen Konzept ist er begeistert: „Erneuerung heisst nicht, dass man alles ganz anders macht. Bei vielem geht es darum, schon Vorhandenes wieder zu entdecken und aufzufrischen.“ So soll die christliche Wertebasis wieder vermehrt berücksichtigt werden, sei das durch Themen im Schulunterricht oder durch Anlässe wie etwa die Messe zum Schuljahresbeginn oder die Weihnachtsfeier. Lüthi: „Wir wollen das Christentum wieder bewusster leben. Das heisst nicht, dass wir nur Christen oder gar nur Katholiken aufnehmen oder dass unsere Schüler jede Woche in die Kirche müssen. Wir stellen aber ein religiöses und spirituelles Angebot bereit. Es geht nicht um Sektierer- oder Frömmlertum, sondern darum, dass Religion wieder ein Teil des Alltags werden kann.“
Neu wird die Stiftsschule als Tagesschule geführt. „Wir möchten das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern und den Schülern auch eine sinnvolle Freizeitgestaltung anbieten“, so Lüthi. Nicht alles basiert dabei auf Freiwilligkeit. Jede Schülerin und jeder Schüler hat zwei Kursfächer zu belegen, wovon eines teamorientiert sein muss, also Mannschaftssport, Chor, Orchester oder Studentenmusik. Auf diese Weise werde Sozialkompetenz trainiert und die Jugendlichen lernten sich dabei auch selber besser kennen.
Ein weiteres Ziel der Stiftsschule ist das Anheben der schulischen Leistungen, sind doch in letzter Zeit von Seiten der Universitäten wie auch aus Wirtschaftskreisen immer wieder Klagen laut geworden, heutige Schulabgänger leisteten nicht mehr das Gleiche wie früher. Peter Lüthi zählt die Neuerungen auf: „Unser Informatikbereich wird intensiviert. Bis zur Matur müssen alle ein Sprachdiplom erwerben. Latein ist für alle obligatorisch. Darüber hinaus werden die Naturwissenschaften aufgewertet, indem zwei neue Schwerpunktfächer angeboten werden, nämlich Biologie und Chemie sowie Physik und angewandte Mathematik. Auch Ethik soll einen hohen Stellenwert haben.“
Nur wer einen Notendurchschnitt von 4,75 aufwies, wurde zur Aufnahmeprüfung überhaupt zugelassen. Bestanden haben nur Schülerinnen und Schüler mit einem Schnitt von 5 und mehr. Darüber hinaus gab es einen psychologischen Test, der Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit unter die Lupe nahm. „Ja, wir sind eine Eliteschule“, gibt Rektor Lüthi unumwunden zu, fügt aber im selben Atemzug hinzu: „Aber Elite in einem anderen Sinn, als der Begriff üblicherweise gebraucht wird. Was wir wollen, sind Leute mit einer eigenen Meinung, die gemeinsam mit anderen nach Lösungen für die Probleme dieser Welt suchen. Für Jugendliche mit einer ,No future’-Stimmung ist hier kein Platz. Wir wollen Leute, die ihre Möglichkeiten einsetzen für eine positive Entwicklung. Diese Art von Elite ist verbunden mit einer Herzensbildung. Nicht nur der Verstand, auch innere Werte sollen an unserer Schule ausgebildet werden.“
Die neue Schule steht denn auch unter dem benediktinischen Leitwort „Toto corde, tota anima, tota virtute – von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Kraft“. Diese Haltung soll an die Jugendlichen weitergegeben werden. Dass für eine solche Erziehung hin und wieder auch sanfter Druck nottut, weiss Lüthi aus eigener Erfahrung. Sein Schlüsselerlebnis: Als Gymnasiast und Internatsschüler musste er einst an einem sonnigen Sonntagnachmittag mit seinen Schulkollegen in die Oper, obwohl er doch viel lieber Fussball gespielt hätte. Zähneknirschend setzte er sich in den stickigen Theatersaal, und siehe da: „Sobald die Ouvertüre von ,La Traviata’ erklang, war ich wie weggetreten. Dieses Erlebnis hat mich geprägt und hat dazu geführt, dass ich Germanist geworden bin.“ Manchmal müsse man den Jugendlichen etwas aufzeigen auch gegen Widerstand. Was sie später daraus machten, liege dann in ihrer Verantwortung.
Die Einsiedler Schülerschaft ist bunt durchmischt. Kinder aus Bergbauernfamilien drücken mit Söhnen und Töchtern von Wirtschaftsmanagern die Schulbank. „Das ist wichtig“, findet Peter Lüthi. „Es gibt heute nicht mehr viele Orte, wo die verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammenkommen, denn es wird schon früh selektioniert.“ Geld soll denn auch kein Hinderungsgrund für den Schulbesuch in Einsiedeln sein. Die Stiftungen „Pro Stiftsschule Einsiedeln“ und „Pro Kloster Einsiedeln“ setzen sich dafür ein, dass Kinder aus weniger betuchten Familien Stipendien erhalten.

JUDITH HARDEGGER

www.stiftsschule-einsiedeln.ch

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Rektor Peter Lüthi. FOTO: CHRISTOPH WIDER