Liebe Leserin, lieber Leser
Neulich frühmorgens bei Einfahrt der S7 legte ich auf dem Perron die Zeitung in die blau-weisse Box zurück und liess das ankommende SMS unbeantwortet. Für einmal einfach nur da sein, nichts tun.
Den Sommertag geniessen. Eine kurze Auszeit nehmen.
Zeit, nachzudenken – über die Zeit vielleicht – und inmitten des erwachenden Alltagsrummels mit seinen Verpflichtungen und Verlockungen bei mir selbst ankommen. Aussteigen aus Geschwindigkeitsrausch, zielgerichteter Aktivität und Reizüberflutung. Und merken, dass weder Geschwindigkeit, Aktivität noch Reize Werte an sich darstellen, sondern einzig wir sind es, die darin eine Bedeutung sehen – in der irrigen Meinung, je mehr wir in die Zeit hineinpressen könnten, desto grösser sei der Gewinn.
Dabei ist es meist gerade nicht die mit Taten vollgestopfte, sondern die davon abgezogene, gleichsam leere Zeit, die uns dem Glück auf die Spur kommen lässt. Musse, ein Zauberwort. Wo sie fehlt, treibt uns die Trauer über die verlorene Zeit zu immer sinnloserer Beschleunigung an, bis wir eines Tages begreifen, dass es unmöglich ist, die Zeit zu überrunden, um verlorene Zeit wiederzugewinnen.
In Musse jedoch kann ich mental einen Schritt zurücktreten, um zu spüren, welche Angebote der Gesellschaft mir wirklich gut-tun und welche mich eher unbefriedigt zurücklassen. Musse weitet den Blickwinkel, öffnet Perspektiven und gibt die Gelassenheit, zu erkennen und zu wählen, was mir wichtig ist im Leben. Sie macht frei – und sei es nur für die Möglichkeit, während 20 Minuten Zugfahrt die Schönheit der Seelandschaft zu geniessen, anstatt mich von den News einer Gratiszeitung berieseln zu lassen.
PIA STADLER