Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 17, 2007 Die Zukunft als Opium für Christen
19. Sonntag im Jahreskreis (12. August)

Die Zukunft als Opium für Christen

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Jesus verlangt Wachsamkeit, denn „der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ Diese Mahnung lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, und er wiederholt sie dreimal. Man sollte meinen, dass damit bei jedem der Groschen fällt. Aber wie bei so vielen eigentlich völlig klaren Jesusworten unternehmen wir Gläubigen – Theologen wie Laien – auch hier grösste Anstrengungen, damit aus klaren Worten ein unverbindliches Gleichnis wird.
„Legt euren Gürtel nicht ab und lasst eure Lampen brennen!“ So etwas kann Jesus doch wohl nicht wörtlich meinen? Und haben nicht die Bibelexegeten herausgefunden, dass die ersten Christen in der Naherwartung gelebt haben, weil sie glaubten, der Messias werde noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen und das Ende der Zeiten ankündigen? Selbst wenn ich dem historischen Urteil der Bibelwissenschaft vertraue – für meine persönliche Lebensplanung möchte ich mich darauf nicht blindlings verlassen.
Der englische Schriftsteller C. S. Lewis hat seinen Essay „Die letzte Nacht der Welt“ einer im Grunde schlichten Tatsache gewidmet: Wir können uns nicht selbst Aufschub gewähren. Wir verfügen nicht über die Zeit, bestimmen nicht, wann unsere letzte Nacht anbrechen wird, und wissen deshalb auch nicht, ob wir später noch Gelegenheit haben werden, unser Christsein auszuleben. Das Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Verschiebe nicht auf morgen, was du heute kannst besorgen.“
Man stelle sich einmal vor: Heute den Nächsten lieben. Heute mit der Versöhnung anfangen. Heute all unsere christlichen Tugenden in die Tat umsetzen. Heute grosszügig sein, gerecht, verständnisvoll, aufmerksam, sorgfältig, bescheiden, friedlich, gastfreundlich …
Wenn wir Jesus Christus ernst nehmen, dann wird aus der Erwartung des Herrn kein apathisches Herumhocken und auch kein hermetisch abgeriegelter Gebetszirkel. Wenn wir wahrhaftig daran glauben, dass wir am Reich Gottes nur heute mitbauen können – nicht morgen, nicht später, nicht irgendwann einmal –, wenn wir daran glauben, dass wir hier und jetzt für ein lebendiges Christentum verantwortlich sind, dann ist es mit dem Opium fürs Volk aus, dann wird unser Glaube zur Revolution.
Damit nicht genug der Provokation. An derselben Stelle sagt Jesus nämlich noch: „Verkauft eure Habe und gebt den Erlös den Armen!“ Das kann er nun aber wirklich nur symbolisch gemeint haben!? Muss einfach so sein, weil er fortfährt: „Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreissen. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst.“ Das sollten wir mit reichlich Beten, schönen Liturgien und frommen Gedanken wohl hinkriegen. Oder doch nicht? Meint es Jesus am Ende auch damit sprichwörtlich ernst, wenn er behauptet: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ Insgeheim wissen wir genau, was er meint: Besitz und Geld hindern uns daran, heute mit dem Christentum ernst zu machen. Wenn es ums Geld geht, laufen wir zur Hochform in Heuchelei und Selbsttäuschung auf. Die Reichen, das sind immer die anderen. Und die Bedürftigen immer wir. Wenn es ums Geld geht, dann ist es auch unter Glaubensbrüdern mit der Freundschaft schnell aus. Dann verschieben wir einschneidende Sofortmassnahmen aber subito auf morgen. Schon wieder eine unmissverständliche Forderung, für die es nur einen Ort und einen Augenblick zur Erfüllung gibt: Wie klein meine Schritte auch sind, ich selbst muss sie tun, und zwar jetzt gleich.

THOMAS BINOTTO


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"Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet." Lukas 12,40. FOTO: CHRISTOPH WIDER