Spiritualität ist gefragt
Im Garten des Centrums 66 in Zürich sitzen 70 Menschen im Kreis. In ihrer Mitte der Teich, Blumen und ein prasselndes Feuer. Sie lassen Harfenklänge und Sätze von Madeleine Delbrêl auf sich wirken. „Glaube will unterhalten werden wie ein Feuer“ zum Beispiel. Wer Madeleine Delbrêl ist, hatte Schwester Ingrid Grave vorher spannend erzählt: eine junge Atheistin, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zur Gotteserfahrung findet und Spiritualität im Kontext einer materialistisch orientierten Welt lebt.
Die dritte Veranstaltung der „Werkstätten Zukunft Kirche Zürich“ fand genau zur Sommersonnenwende am 22. Juni statt. „An unserer ersten Veranstaltung in Höngg kam das Bedürfnis nach Spiritualität stark zum Vorschein“, erklärt Franz-Xaver Herger vom Generalvikariat Zürich und Mitinitiant der Werkstätten Zukunft Kirche. „Unsere Mittsommernacht soll nun Anregung sein, wie man das Thema in Pfarreien und Gruppen aufnehmen könnte. Die Kirche hat einen grossen Schatz an Spiritualität. Wir müssen lernen, diesen den Menschen von heute weiterzugeben.“
An der „Spirituellen Mittsommernacht“ wollte das Projektteam der „Werkstätten Zukunft Kirche“ auch aufspüren, was Spiritualität für die Anwesenden bedeutet und wie sie diese selber leben. Dies wurde mit Grossgruppen-Methoden erarbeitet: Zuerst schrieben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Zettel ihre Antworten auf Fragen wie: „Spiritualität heisst für mich …“, „bei katholische Kirche und Spiritualität denke ich an …“ und „ich pflege meine persönliche Spiritualität durch …“. An einer Stellwand konnte man die zahlreichen Antworten sehen: „Dem Unsichtbaren nachspüren, im Moment leben, Gottes Geist im Alltag begegnen, Lebenskunst …“ Oder zur zweiten Frage: „Eucharistiefeiern, Mystik, Kloster, Rituale, Stille, Gemeinschaft, geisterfüllte Menschen“. Persönlich wird die Spiritualität in „Stille, Gebet, Meditation, in Kinderaugen, Natur, Musik und Tanz“ erlebt.
Nach der Lebensgeschichte von Madeleine Delbrêl – hier beeindruckte vor allem ihr Satz: „Die Strasse ist unser Ort der Heiligkeit“ – wurde mit der Methode „World Café“ versucht, dem Thema noch näher zu kommen. Eine Gastgeberin pro Tisch diskutierte mit wechselnden Gästen weitere Fragen zum Thema Spiritualität. Zum Schluss formulierte jeder Tisch in drei „Perlen“ das Wesentliche der Diskussionen. An der Pinwand befand sich bald eine eindrückliche Sammlung: „Konsequent sich Zeit nehmen für Spiritualität. Wer selber nicht brennt, kann kein Feuer entfachen. Sehnsucht nach Sinn, Liebe, dem Wesentlichen. Wahrhaftigkeit, Konsequenz, Vertrauen. Gotteserfahrung geschehen lassen. Angebote für Spiritualität und Gemeinschaft schaffen. Vielfalt pflegen. Auftreten statt Austreten.“
„Diese Spuren möchten wir weiterhin verfolgen“, erklärte Franz-Xaver Herger zum Schluss. Im Generalvikariat denke man darüber nach, ein spirituelles Zentrum in einem Kloster, einer Pfarrei oder einer Gemeinschaft zu schaffen, wo Menschen sich einfinden und mitleben könnten. „Wir sind in einem Prozess und möchten mithelfen, dass die Menschen auch in der Kirche wieder tiefe Spiritualität erfahren können“, schloss er. Die 70 Anwesenden nahmen jedenfalls viele Impulse, Anregungen und eine eigene spirituelle Erfahrung mit nach Hause.
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER
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