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Der „Sakrileg-Decoder“ (XI)

Jesu Göttlichkeit und das Konzil von Nizäa

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Behauptung: Bis zum Konzil von Nizäa wurde Jesus von seinen Anhängern als sterblicher Prophet betrachtet, als ein grosser, mächtiger Mensch, aber eben als Mensch. Zum Sohn Gottes wurde Jesus erst nach einer entsprechenden Abstimmung auf dem von Kaiser Konstantin einberufenen Konzil von Nizäa.

Und das meint der Decoder dazu: Es stimmt, das erste Konzil von Nizäa ist nicht etwa von einem Papst, sondern vom römischen Kaiser Konstantin I. (306–337) einberufen worden, und es stimmt auch, dass der Kaiser aktiv in den Konzilsverlauf eingriff. Was jedoch nicht stimmt, ist die Behauptung, Jesus sei erst da zum Sohn Gottes erklärt worden.
Die Frage, um die gestritten wurde, war nämlich nicht, ob Jesus Gottes Sohn sei, sondern in welcher Weise er es sei. Vom Zaun gebrochen hatte diesen Streit der Presbyter Arius, der seit 318 folgende Lehre verbreitete: Christus ist als Sohn Gottes dem Vater untergeordnet. Er ist der Mittler zwischen Gott und der Welt. Zwar ist er Gott ähnlich und das höchste aller Geschöpfe, aber er ist ihm nicht wesensgleich. Nicht wenige hielten diese später „Arianismus“ genannte Position für überzeugend, was zu heftigen Auseinandersetzungen führte. Denn für die Gegenpartei, die so genannten „Trinitarier“, musste Christus Gott wesensgleich sein, wäre doch einem Geschöpf die Erlösung der Welt nicht möglich gewesen.
Kaiser Konstantin interessierte weniger die Dogmatik als vielmehr die Politik. Beides aber hing zusammen. Das römische Reich war zwar seit 324 wieder unter einem Kaiser geeint, doch hatte Konstantin gegen zahlreiche innere und äussere Feinde zu kämpfen. Seine grösste Sorge war, die Stabilität und Einheit des Reiches zu festigen. Dabei sah er in der schnell wachsenden christlichen Kirche besonders viel Integrationspotential. Dan Brown beschreibt die damalige Situation nicht schlecht: „Konstantin war ein ausgezeichneter Geschäftsmann. Er hatte begriffen, dass das Christentum im Kommen war, und da hat er eben auf das schnellste Pferd gesetzt. Die Historiker staunen noch heute, mit welchem Geschick Konstantin aus seinen heidnischen Sonnenanbetern Christen gemacht hat.“ Ein innerkirchlicher Streit kam dem Kaiser also höchst ungelegen.
So lud er im Jahr 325 alle 1800 Bischöfe des römischen Reiches zu einer Versammlung nach Nizäa, dem heutigen Iznik in der Türkei, ein. Knapp 300 folgten der Einladung und feilschten während Wochen um Formulierungen. Am Ende einigte man sich auf das Nizänische Glaubensbekenntnis, in dem Jesu Wesensgleichheit mit Gott Vater festgehalten wurde. Nur zwei Bischöfe unterschrieben das Dokument nicht. Sie wurden zusammen mit Arius verbannt.
Obwohl Konstantins Einfluss auf das Konzil unbestritten ist, kann nicht von einem kaiserlichen Diktat gesprochen werden, ist doch das Konzil von Antiochia ein halbes Jahr früher theologisch zum selben Resultat gekommen – ohne jeglichen kaiserlichen Einfluss. Dass es dem Kaiser nicht um theologische Inhalte, sondern um Friedenssicherung ging, sieht man auch daran, dass er in der Folgezeit die Fronten mehrmals wechselte. Der arianische Streit schwelte nämlich trotz des Konzilsentscheids noch lange weiter.

JUDITH HARDEGGER

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Die Serie "Sakrileg-Decoder" wurde in der Nummer 15/2006 gestartet. Sie bezieht sich auf den Bestseller "Sakrileg" von Dan Brown, befasst sich aber mit Themen, die auch unabhängig vom Roman eigentliche Dauerbrenner sind.