Eine spannende Herausforderung
forum: Martin Pedrazzoli, was hat Sie damals vor vier Jahren bewogen, das Präsidium der Synode zu übernehmen?
Martin Pedrazzoli: Ich leite eine kleine Kirchgemeinde am Rande von Zürich und schätze eine Öffnung dieses doch sehr engen Rahmens. Als ich für die Synode angefragt wurde, war das eine solche Möglichkeit und später hat mich auch das Präsidium interessiert. Und dann, als diese Herausforderung Tatsache wurde, wollte ich wissen, ob ich überhaupt in der Lage war, ein Parlament mit 100 Leuten zu leiten. Und das ist mir dann auch gar nicht so schlecht gelungen.
Was haben Sie von diesem Amt erwartet?
Wenn gewisse Leute vom „höchsten Züricher Katholiken“ sprechen, muss ich schmunzeln. Mir war immer bewusst, dass Einfluss und Macht dieses Amtes sehr begrenzt sind.
Welche Gestaltungsmöglichkeiten waren Ihnen wichtig?
Ich habe mich immer für Begegnungen eingesetzt, beispielsweise mit den Reformierten oder den Christkatholiken. Auch die Schnittstellengespräche waren mir ein grosses Anliegen. Wie Bischof Paul Vollmar dort mit der Synode in einen Dialog getreten ist, habe ich in starker Erinnerung. So wünschte ich mir den Austausch zwischen Bischof und staatskirchlichen Gremien.
Als Gemeindeleiter stehen Sie auch auf der pastoralen Seite. Mussten Sie deshalb einen Spagat aushalten?
Nein. Ich finde es spannend, dass diese zwei Ebenen – die innerkirchliche und die staatskirchenrechtliche – miteinander zusammenarbeiten müssen, weil sie aufeinander angewiesen sind.
Und dass sie als Präsident an den Diskussionen der Synode kaum teilnehmen konnten, hat Sie nicht gestört?
Das hat mir erstaunlich wenig ausgemacht. Ich habe eine andere Optik gewonnen als die Synodalen. Für mich ging es vor allem darum, die Sitzung gut über die Bühne zu bringen, die verschiedenen Anträge zu ordnen und dafür zu sorgen, dass der Ablauf dem Recht entsprach, dass jede und jeder angemessen zu Wort kam. Damit war ich normalerweise vollauf ausgelastet.
Was war Ihnen lieber: die problemlosen Geschäfte oder die emotionsgeladenen Debatten?
Ich hatte es lieber, wenn es hoch zu- und herging. Es war eine spannende Herausforderung, eine Sitzung zu leiten, bei der man nicht wusste, wie sie herauskommen würde.
Welche Funktion hat das Präsidium im Zusammenspiel zwischen Synode,
Zentralkommission und Generalvikariat?
Ich habe versucht, eine Brückenfunktion wahrzunehmen. Die Schwierigkeit war allerdings, dass dafür die Definition des Präsidiums nicht klar genug ist. Um wirklich eine Brückenfunktion wahrnehmen zu können, muss das Präsidium auch über entsprechende Kompetenzen verfügen. Dass es nicht um ein Amt wie andere geht, zeigt ja schon, dass es zwingend in geheimer Wahl besetzt wird.
Was hat Sie am meisten gestört?
Am meisten Mühe macht mir, wenn man auf Paragraphen herumreitet – sei es innerhalb der Synode oder auch im innerkirchlichen Bereich. Die Menschen müssen im Mittelpunkt stehen. Und deshalb muss man manchmal auch Lösungen finden, die vielleicht nicht ganz dem Paragraphen entsprechen. Das ist natürlich eine Gratwanderung, bei der man auch scheitern kann.
Was sind Ihre wichtigsten Erfahrungen?
Als positive Erfahrung nehme ich mit, dass es gelingen kann, Brücken zu schlagen. Ich habe aber auch erfahren müssen, wie über meinen Kopf hinweg entschieden wurde. Und es gab auch Niederlagen. Wenn es jedoch gelingt, zwischen einem Menschen und der Sache, die er vertritt, zu unterscheiden, dann kann die Kommunikation mit einem Menschen auch nach einem Konflikt weitergehen. Auch das habe ich erlebt. Und schliesslich habe ich gelernt, locker damit umzugehen, dass über mich geredet wird, und mich deswegen nicht zu verstellen.
Und welche Herausforderung packen Sie jetzt an?
Während der Zeit meines Präsidiums habe ich zur Stressbewältigung eine Therapieform kennen gelernt, in der ich mich dann auch habe ausbilden lassen. Das hat mir geholfen, schwierige Momente durchzustehen. Ich brauchte unbedingt etwas ausserhalb der Kirche. Diese Biophotonentherapie werde ich jetzt in einer kleinen Praxis hier in Zürich anbieten können. Ich werde aber in Elgg bleiben und habe dort meine Anstellung auf 90% reduziert. Ich weiss ja noch nicht, wie meine Praxis laufen wird.
Werden Sie die Arbeit der Synode weiter verfolgen?
Ich werde sicher am 20. September die konstituierende Sitzung verfolgen, weil ich gespannt bin, wie es nun weitergeht. Aber ich werde meine Tätigkeit in der Synode abschliessen und an neue Leute übergeben. Dieses Loslassen hat mir eigentlich noch nie Mühe bereitet. Â
GESPRÄCH: THOMAS BINOTTO