DER BETRUF
Fast im gesamten katholischen Schweizer Alpengebiet ist bis heute der Brauch des Betrufs lebendig. Allabendlich während der Alpsommerzeit singt der Älpler, einen hölzernen Milchtrichter vor den Mund haltend, eine archaische Gebetslitanei über die Alp. Was romantisch anmuten mag, offenbart beim genaueren Hinhören den feierlichen Ernst eines Segensgebets. Text und Melodie sind zwar regional unterschiedlich. Allen gemeinsam aber sind eine mundartlich eingefärbte deutsche Sprache und eine archaische Melodieführung, die von fern an das lateinische Chorgebet der Mönche erinnert. Immer werden der dreieinige Gott, die Heilige Familie und die am Ort verehrten Heiligen direkt angerufen und um Schutz angegangen. Elemente des Credo, des Angelus, der Allerheiligenlitanei sind verwoben mit den konkreten Bitten um Schutz von Hab und Gut, Leib und Leben während der nun hereinbrechenden Nacht. Denn im Schlaf muss der Mensch loslassen. Er muss die Verantwortung, das Gelungene wie das Gescheiterte anderen Mächten übergeben. Gerade hier, wo das Wetter augenblicklich wechseln kann und Naturgewalten als reale Bedrohungen erfahren werden, stellt sich die Frage: Worauf baue ich? Der Betruf bezeugt seit rund 450 Jahren: Ein einst heidnischer Bannspruch konnte zum Gebet – Feier der Hoffnung – werden.
PETER SPICHTIG OP
LITURGISCHES INSTITUT
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