SOS Narrenschiff
Gilbert Keith Chesterton hat einmal gesagt: „Antiklerikalismus ist keine protestantische Bewegung sondern eine katholische Stimmung.“ Das ist fast hundert Jahre her. Und ich bin nahe dran zu seufzen: Gute alte Zeiten! Ich seufze, weil ich gerade die „Meistergeschichten“ des Iren Frank O’Connor lese – 2006 das am schlechtesten verkaufte Diogenes Taschenbuch und damit der schlagende Beweis dafür, dass weder Demokratie noch freie Marktwirtschaft etwas mit Verstand und Geschmack zu tun haben – aber was hatte ich eigentlich vor, ausser für einen Meistererzähler zu werben? Genau: dem Antiklerikalismus nachtrauern.
In den Erzählungen O’Connors aus der Mitte des letzten Jahrhunderts ist die katholische Kirche noch eine selbstverständliche Grösse. Und folglich gab es dort Priester à la carte: Dicke und dünne, aufrechte und verlogene, kluge und dumme, Seelsorger und Quälgeister. Über diese Bandbreite regt sich niemand auf, sie wird als völlig normal hingenommen. Dank O’Connor bin ich endlich auf das eigentliche Problem des Priestermangels gestossen: Seit Priester als aussterbende Spezies gelten, muss man sie viel zu pfleglich behandeln. Antiklerikalismus verbietet sich heute quasi schon aus Gründen des Artenschutzes. Aus Menschen wurde Museumsgut. Auf starre Sockel verschraubt. Bei O’Connor und Chesterton dagegen war die katholische Welt noch in Ordnung: „Wir alle wissen, wie natürlich es ist, in gewissen Augenblicken einen tiefen Durst danach zu empfinden, Klerikern einen Tritt zu versetzen, einfach weil es Kleriker sind.“ Inzwischen traut man sich wegen des rapide schwindenden Angebots schon gar nicht mehr an Nachfrage zu denken.
Aber es kommt noch schlimmer: Das Problem pflanzt sich – Zölibat hin oder her – fort. Von wegen gesund schrumpfen und heiliger Rest! Seit am kirchlichen Leben nur noch die wenigen gleich gesinnten und gestimmten Treuen teilhaben, ist die katholische Kirche um zwei ihrer fruchtbarsten Antriebe ärmer: die fruchtbaren Streitigkeiten zwischen gegensätzlichen Charakteren und den Zwang zur Feindesliebe in den eigenen Reihen. Denn wieder erstickt ein Mahnruf jede aufkeimende Vitalität: „Seid lieb zueinander, zischt er, wo wir doch nur noch so wenige sind und alle anderen so bös mit uns. Und steht in der Bibel nicht, die ersten Gemeinden hätte mit ihrer Liebesfähigkeit beeindruckt.“ Stimmt schon, wage ich zaghaft einzuwenden, aber ich glaube auch, dass es nicht wenige gab, die voller Bewunderung ausriefen: „Seht, wie sie miteinander streiten!“
Als die katholische Kirche noch eine flächendeckende Volksangelegenheit war, musste man damit rechnen, in ihrem Revier selbst seinen intimsten Feinden zu begegnen. Bereits ein kurzer Blick ins Kirchenschiff genügte, um Gewissheit zu haben: Der heilige Rest konnte das nicht sein. Bestenfalls ein bunter Haufen. Und nicht selten eine armselige Bande. Dass man dennoch für die heilige römische Kirche betete, kann ich mir nur mit einer gesunden Portion Selbstironie erklären. Heute dagegen herrscht so viel Eintracht, dass man geneigt ist, sich bis auf weiteres beim Friedensgruss gegenseitig auf die Schultern zu klopfen.
Eintrag ins Logbuch: Genug der Nostalgie! Bis bessere Zeiten anbrechen, werde ich meine katholische Stimmung zügeln. Und damit sich der Klerus auch vor meiner Schuhspitze nicht zu fürchten braucht, zitiere ich Chesterton zu Ende: „Aber wenn wir uns ehrlich fragen, ob eine Religion nicht besser funktioniert mit einer bestimmten Priesterschaft, welche die Fronarbeit der Religion leistet, kommen wir zu dem Ergebnis: Ja, sicher. Antiklerikalismus ist eine edle und ideale Stimmung; Klerus ist eine ständige und praktische Notwendigkeit.“
THOMAS BINOTTO