Eine andere Tasse
Nicht weil die Poesie des Textes so ausdrucksstark wäre; nicht weil in diesem Lied neue Worte gefunden würden für einen uralten Inhalt; nicht weil sich in diesem Lied ein begnadeter Songwriter bemerkbar machte – nein, aus keinem dieser Gründe habe ich beim Hören die Ohren gespitzt.
Genau genommen habe ich sie zweimal gespitzt: das erste Mal wegen des Sängers und Autors. Yusuf – so nennt er sich nämlich jetzt – ist kein anderer als die Popikone der siebziger Jahre Cat Stevens. Aufgrund tiefer spiritueller Erfahrungen hatte er sich seinerzeit völlig vom Musikgeschäft zurückgezogen und war zum Islam übergetreten. Das einzige Musikalische, was es danach von ihm zu hören gab, war die Rezitation einiger Koransuren. Und es wurde das Jahr 2006, bis er wieder ein Album mit zum Teil neuen, zum Teil alten Liedern aufnahm. Unter anderem das hier besprochene.
Und das zweite Mal habe ich die Ohren gespitzt, um herauszufinden, welches die Themen eines Künstlers mit dieser Lebens- und Glaubensgeschichte sind.
Und das Ergebnis ist so simpel wie nahe liegend und irgendwie dennoch überraschend: Denn sein Thema ist ganz offensichtlich die Frage nach den sogenannt „letzten Dingen“, also nach dem, was man in der Sprache der Theologie als Eschatologie bezeichnet. Welches sind die „letzten Dinge“ in unserer Welt, in unserem Leben? Was kommt danach? Kommt überhaupt etwas danach? Wohin steuert unser Leben? Steuert es überhaupt irgendwohin? Und schliesslich die für mich entscheidende Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den letzten Dingen (also einem „jenseitigen“ Leben) und den vorletzten Dingen (also unserem jetzigen Leben)?
Nahe liegend finde ich das deswegen, weil sich an diesem Thema nicht weniger als die Sinnfrage unseres Lebens und Sterbens entzündet. Und dies ist selbstverständlich das religiöse Thema schlechthin.
Überraschend ist dieser Befund dennoch, weil zumindest denen, die hierzulande in den Kirchen christliche Glaubensverkündigung betreiben, noch häufig vorgeworfen wird, sie würden sich gerade mit diesen Fragen viel zu wenig befassen – und wenn doch, dann allzu vage und nicht immer sehr überzeugend.
Yusuf nennt sein Album „An Other Cup“ – eine andere Tasse. Es enthält elf Lieder. Und diese elf Lieder beschäftigen sich alle mehr oder weniger mit „eschatologischen“ Themen. Sie tun das auf eine so schlichte, mitunter naiv anmutende Art und Weise, dass mir das Wort Eschatologie fast eine Nummer zu gross vorkommt. Aber könnte es sein, dass genau hier ein Problem liegt?
Könnte es sein, dass wir in der Kirche deswegen so wenig über „die letzten Dinge“ reden, weil wir nicht naiv wirken wollen?
Könnte es sein, dass wir in der Kirche deswegen so wenig überzeugend von „dem, was danach kommt“ sprechen, weil wir uns nicht dem Verdacht der Vereinfachung aussetzen wollen?
Ich fürchte, da ist mehr dran, als auch mir lieb ist. Denn wie sollten wir anders von den letzten Dingen reden können, als auf eine verhältnismässig naive Art und Weise?
Die Lieder von Yusuf scheuen keine Naivität, sie wollen einfach sein. Und wenn ich in die Bibel schaue, dann stelle ich fest: Immer wenn es um die letzten Dinge geht, dann ist diese auch sehr einfach.
Ob es die Vorstellung vom himmlischen Hochzeitsmahl ist, ob es um das Wachstum des kleinen Senfkorns geht, ob es die Wohnungen „im Hause seines Vaters“ sind, die Jesus vorbereitet – naiv und einfach ist das alles. Aber gerade darin liegt schliesslich auch die Kraft solcher Vorstellungen.
Mit alldem will ich gar nicht der Naivität und Vereinfachung das Wort reden. Es gibt schreckliche und verantwortungslose Vereinfachungen. Sie sind ein Handwerkszeug aller Fundamentalismen. Aber ich möchte auf die Kraft der einfachen Bilder aufmerksam machen, in denen immer auch eine unbändige Hoffnung steckt.
Wichtig ist das eine: dass wir uns bewusst machen, dass es sich eben um Bilder handelt. Dass wir das Bild nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, die es abbilden will.
Denn in Wirklichkeit sind „die letzten Dinge“ immer „another cup“ – und die Tasse, aus der wir hier und heute trinken, ist ein Bild davon. Nicht nur ein Bild, sondern immerhin ein Bild.
INGO BÄCKER