Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 15, 2007 Dichten gegen das Dunkel
Zum 400. Geburtstag von Paul Gerhardt

Dichten gegen das Dunkel

Artikelaktionen
Paul Gerhardt zählt zu den grössten deutschen Barockdichtern. Leid, Trost und Gottvertrauen sind seine Themen. Sein eigenes Leben bot ihm dazu viel Anschauungsmaterial.

An Weihnachten und Ostern ist der evangelische Lieddichter Paul Gerhardt auch aus katholischen Gottesdiensten nicht wegzudenken. Bei „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Ich steh an deiner Krippe hier“ wird auch dem nüchternsten Kirchenskeptiker warm ums Herz. „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren. Und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt’, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ Auch ohne Vertonung sind die Texte Gerhardts, dessen 400. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird, Musik, Melodie, Klang. Über Jahrhunderte hinweg spendeten seine Dichtungen unzähligen Menschen Trost in schweren Zeiten. Zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer während seiner Isolierhaft. Gedichte, die auf den ersten Blick wie eine billige Vertröstung wirken mögen, gaben Bonhoeffer die Kraft und den Mut, den Nazischergen Widerstand zu leisten: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich; so oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab’ ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?“

KRIEG, HUNGER UND SEUCHEN
Gerhardts Dichtungen kreisen um Gott, der dem Menschen auch in höchster Bedrängnis treu bleibt, um Christus, dessen Tod am Kreuz Trost spendet, und um den Lebensmut, der aus dem Glauben an beide wächst. Diese Themenwahl kommt nicht von ungefähr. Paul Gerhardt war elf, als der Dreissigjährige Krieg ausbrach, und 41, als er aufhörte. Schlachten, Hungersnöte und Seuchen entvölkerten in dieser Zeit ganze Landstriche. In Süddeutschland überlebte nur gerade ein Drittel der Bevölkerung. Um sich von den Kriegsfolgen zu erholen, brauchte das Reich mehr als ein Jahrhundert. Und als wäre das des Leids nicht genug: Gerhardts erstes Kind, seine Tochter Maria Elisabeth, starb nach acht Monaten, drei weitere Kinder wurden bloss  wenige Wochen alt. Einzig der Sohn Paul Friedrich überlebte seine Eltern. Als Gerhardt sechzig war, starb seine Frau.

PREDIGEN UND DICHTEN
Doch von vorn: Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 als zweites von vier Kindern in Gräfenhainichen geboren. 1619, ein Jahr nach Ausbruch des Dreissigjährigen Krieges, starb sein Vater, zwei Jahre später auch die Mutter. Pauls neues Zuhause wurde die Fürstenschule St. Augustin in Grimma, die er von 1622 bis 1627 besuchte und wo er in erster Linie Religion und alte Sprachen büffelte. Die Jahre zwischen 1628 und 1642 widmete er seinem Theologiestudium in Wittenberg, das sein strenges Luthertum prägte, ihm aber auch Vorlesungen über Dichtkunst ermöglichte. Noch während des Studiums nahm er in Wittenberg eine Stelle als Hauslehrer an. 1643 ging’s nach Berlin, wo er den Kantor der Nikolaikirche, Johann Crüger, kennen lernte. Zwischen beiden entstand eine langjährige, fruchtbare Zusammenarbeit. Erst mit 44 Jahren trat Gerhardt seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde an. 1657 wurde er an die angesehene Berliner Hauptkirche St. Nikolai berufen. Dass ihm da nach neun Jahren wieder gekündigt wurde, hatte mit einem Konflikt mit dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu tun. Als reformierter Calvinist begann dieser, die Lutheraner je länger je mehr auszugrenzen, was sich die lutherischen Theologen, deren Zentrum Berlin war, nicht gefallen liessen. Weil der Kurfürst eine Gefährdung des Friedens fürchtete, verordnete er die Annahme eines Toleranzedikts. Wie viele andere verweigerte auch Gerhardt die Unterschrift und wurde deshalb als Pfarrer entlassen. Zu überzeugt war er von der alleinigen Richtigkeit der lutherischen Lehre. Das war 1667, im Jahr, in dem eine erste Gesamtausgabe seiner bisherigen Liedtexte erschien und in dem seine Frau Anna Maria starb.
Eine neue Pfarrstelle bekam Paul Gerhardt 1668 in Lübbe, das damals nicht zu Brandenburg, sondern zu Kursachsen gehörte. Hier verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Nach seinem Tod am 27. Mai 1676 wurde er im Chorraum der Lübbener Nikolaikirche beigesetzt. Diese trägt seit 1930 seinen Namen.
Schon zu seinen Lebzeiten erschienen Paul Gerhardts Lieder vollständig vertont. Obwohl Mitte des 18. Jahrhunderts aufklärerische Theologen zahlreiche vermeintlich antiquierte Kirchenlieder umdichteten, behaupteten sich Gerhardts Texte hartnäckig. Die Epoche der Romantik und Erweckung brachte seinem dichterischen Werk neuen Respekt, und durch die Wiederentdeckung von Bachs Oratorien durch Mendelssohn Bartholdy gelangten Gerhardts Choräle endgültig zu unsterblichem Ruhm.

JUDITH HARDEGGER


www.paul-gerhardt-jahr.de

www.paul-gerhardt-gesellschaft.de


Buchtipp
Gerhard Rödding: „Warum sollt ich mich den
grämen“. Aussaat Verlag 2006. 272 Seiten. Fr. 30.80. ISBN 376155477X.

DVD-Tipp
„Paul Gerhardt – Geh’ aus mein Herz“.
Dokumentarfilm. DVD. D 2007. 30 Minuten Fr. 59.–.
Bezug: medienladen, Badenerstrasse 69, Postfach,
8026 Zürich, www.medienladen.ch.

Artikelaktionen
Der evangelische Lieddichter Paul Gerhardt (1607 bis 1676) ist auch aus katholischen Gottesdiensten nicht wegzudenken. FOTO: zVg