Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 15, 2007 Das Lied der Versöhnung
15. Sonntag im Jahreskreis (15. Juli 2007)

Das Lied der Versöhnung

Artikelaktionen

Spannungen und Konflikte, Gräben und Risse sind allgegenwärtig: In Kriegen und Terror, in der Zerstörung des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur, in den Gegensätzen zwischen Arm und Reich, in der nationalen Politik und in der Kirche, aber auch in der Arbeitswelt, auf Pausenplätzen, in Familien und sogar im eigenen Herzen sind wir mit Unversöhntem und Unversöhnlichem konfrontiert. Entsprechend gross ist die Sehnsucht nach Einheit und Frieden, nach Harmonie und Geborgenheit, nach Heilung und Versöhnung.
Frühchristliche Gemeinden antworteten auf diese von Konflikten geprägte Lebenswirklichkeit mit einem Lied, in dem sie ihre Sehnsucht nach einer alles umfassenden Versöhnung mit Jesus Christus, dem Ebenbild des unsichtbaren Gottes, in Verbindung brachten (Kolosser 1,15–20). Dieses Lied stiftet jene, die es singen, dazu an, darauf zu vertrauen, dass von Jesus Christus die Kraft ausgeht, alle Gegensätze zu überwinden: Durch seine Hand, die er dem Gelähmten gereicht hat, durch seine Geschichte vom Reich Gottes, das klein wie ein winziges Senfkorn beginnt, durch die Schar von
Männern und Frauen, die seine Vision teilen, und durch seine Bereitschaft, liebevoll und kompromisslos zugleich für Gottes Reich und seine Gerechtigkeit auf Erden einzustehen.
Dieses Lied, das von einer Versöhnung singt, die alles durchdringt „im Himmel und auf Erden“ und die das „Sichtbare und das Unsichtbare“ umfasst, ist getragen von der Überzeugung, dass das, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, mehr ist als der berühmte „Tropfen auf dem heissen Stein“. Es hat die Kraft, die Welt zu verändern, weil in Jesus der „unsichtbare Gott“ ein Gesicht bekommen hat. Diese Glaubenserfahrung wird weder in Bekenntnissätze noch in grossartige ethische oder politische Programme verpackt, sondern besungen. Und die christlichen Gemeinden, die dieses Lied sangen, waren alles andere als tonangebend in der Welt des römischen Reiches. „Versöhnung“, wie sie von Gott gemeint ist, bricht sich nicht in machtförmigen Strukturen und imponierenden Inszenierungen Bahn, sondern in der Gestalt eines jüdischen Wanderpropheten wie Jesus, in unscheinbaren Gemeinschaften und in Liedern, die aller Unversöhntheit zum Trotz davon singen, dass Versöhnung möglich ist.
Der urchristliche Theologe, der dieses Versöhnungslied in den Brief an die Kolosser eingebaut hat, hat es mit einem Zusatz versehen: Christus habe diesen Frieden gestiftet „am Kreuz durch sein Blut“. Angesichts von illusorischen Hoffnungen auf eine „totale Harmonie“ wollte er den Leserinnen und Lesern des Briefes damit sagen: Versöhnung und Friede sind möglich – aber nur, wo die Bereitschaft besteht, sich auch den Konflikten, den schmerzlichen Auseinandersetzungen und Widersprüchen, eben dem „Kreuz“, zu stellen.
Mit diesem Einschub hat er die Melodie des Versöhnungsliedes unterbrochen und seine Harmonie gestört. Aber zugleich hat er die christliche Gemeinde und ihr Lied so vor Realitätsverlust gerettet und es auch für Menschen singbar gemacht, die sonst aufgrund ihrer schwierigen Lebens- und Welterfahrung sagen würden, es sei „zu schön, um wahr zu sein“.

DANIEL KOSCH

Artikelaktionen
"Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen." (Brief an die Kolosser 1,19). FOTO: CHRISTOPH WIDER