Liebe Leserin, Lieber Leser
Ich war nie in der Jungwacht aktiv – persönliche Erlebnisse kann ich also zum Jubiläum der katholischen Jugendverbände nicht beitragen. Aber immerhin eine Beobachtung: Seit ich mich erinnern kann, höre ich immer wieder Klagen über die mangelnde Kirchlichkeit der Jugendverbände. Bei anderer Gelegenheit wiederum schwärmen ältere Semester – manchmal dieselben, die sich zuvor beklagt haben – von wilden Aktionen zu ihrer Jugendverbandszeit, obwohl diese auf mich nicht gerade einen kirchennahen Eindruck machen.
Meine Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung ist nicht etwa, dass die Jugend offenbar schon immer verdorben war. Vielmehr komme ich zur Überzeugung, dass die Liebe zum sakramentalen Leben der Kirche wohl noch nie zum Kerngeschäft der Jugend gehört hat. Wenn ich ältere Menschen frage, was sie zum Gottesdienstbesuch bewogen hat, antworten sie jedenfalls immer ähnlich: Erstens war es die Pflicht, und zweitens hat die Gemeinschaft, in der sie aufwuchsen, von dort aus ihre Kreise gezogen: Man hat Kolleginnen und Kollegen getroffen und der Gottesdienst wurde zum Ausgangspunkt für weitere – gar nicht liturgiegesättigte – Unternehmungen. Das Pfarreileben war damit ein gesellschaftliches Ereignis in einer Gesellschaft, die noch nicht von Freizeitangeboten überflutet war.
Deshalb habe ich zum Jubiläum zwei Wünsche anzubringen – die mancherorts bereits in Erfüllung gegangen sind: Ich wünsche mir, dass kirchlich engagierte Menschen mit Gelassenheit und Zuversicht darauf vertrauen, dass positive Erfahrungen in Jungwacht und Blauring auch positive Erfahrungen mit der Kirche sind, selbst wenn sie sich nur selten im sakramentalen Raum abspielen. Zweitens wünsche ich mir von Seiten der Jugendverbände ebenso viel Offenheit der Kirche gegenüber, wie sie es von dieser verdienen. Das Etikett „katholisch“ ist viel dehnbarer, als wir das manchmal ahnen. Und auf jeden Fall bleibt es nur elastisch, wenn es immer wieder gedehnt wird.
THOMAS BINOTTO