Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Flughafenseelsorge

Glaube im Transit

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Das Leben pulsiert auf dem Flughafen Zürich. In der Hektik zwischen Ankunft und Abflug ist die Flughafenseelsorge seit zehn Jahren der ruhende Pol.

Gegen zehn Uhr morgens wird es allmählich ruhiger in den Terminals. Die frühen Businessflüge sind abgefertigt, und noch bleiben im Juni die Check-in-Schalter vom Ansturm der Ferienreisenden verschont.
Im ökumenischen Flughafenpfarramt sind die Routinearbeiten erledigt: Die Stühle im Andachtsraum stehen wieder ordentlich zurechtgerückt, die Kerzenstummel sind entfernt, die Meditationstexte ausgelegt.
Claudio Cimaschi und Andrea Thali, die beiden katholischen Seelsorgenden, sind bereit für ihre tägliche Patrouille. Auf ihrem Rundgang haben sie ein waches Auge und ein offenes Ohr für die Bedürfnisse und Anliegen der Menschen. Da wechselt Claudio Cimaschi ein paar einfühlsame Worte mit der Serviceangestellten im Café, tauscht mit der Coiffeuse augenzwinkernd Reisetipps zu Sardinien aus und spricht mit den beiden Gepäckträgern über „la bella Italia“ und die Sorge um die schwerkranke Mutter. Andrea Thali hilft einer überforderten älteren Dame fürsorglich beim Einchecken und besänftigt in der Flughafenkapelle die Flugangst eines nervösen Ehepaares. Im Laufe der Jahre haben die Seelsorgenden ein feines Gespür für Menschen entwickelt, die froh sind um ein paar ermutigende Worte oder auch ganz handfeste Hilfe. Sie stossen auf Touristen, die gestrandet sind, auf Angehörige, welche die Urne eines Verstorbenen in Empfang nehmen müssen oder auch auf Obdachlose, die sich auf den Polstergruppen häuslich eingerichtet haben. „Wir nehmen uns Zeit für jede Begegnung, tun, was der Augenblick erfordert“, sagt Claudio Cimaschi. Der Tag in der Flughafenseelsorge erfordert Flexibilität. „Wir sind immer vorübergehend unterwegs mit den Menschen. Manchmal für längere Zeit, oft für nur kurze, aber intensive Momente“, meint Andrea Thali. Seelsorge, sind beide überzeugt, verwirklicht sich vor allem dort, wo die Diakonie ins Zentrum der Seelsorgearbeit gestellt wird. „Durch den nahen mitmenschlichen Kontakt, das Dasein und Anteilnehmen können wir an die Sehnsucht der Menschen rühren und mit ihnen in ihrem Fragen und Ringen auf dem Weg sein. Der Glaube kommt dann meist schnell zur Sprache.“
„Wir sind eine ‚Geh-hin-Kirche‘“, betont Claudio Cimaschi beim Kaffee in der Abflughalle. Dieses Leitmotiv hatte das Team eigens geprägt, als es im Februar 1997 mit „nichts“ begonnen hatte. Der Seelsorger erinnert sich: „Ausgerüstet mit Handy und Badge machten wir uns auf den Weg durch die Abteilungen der Unternehmen und Personalkantinen und mischten uns unter die Passagiere in den Terminals. Noch ohne Büro oder Andachtsraum boten wir unsere seelsorgerlichen Dienste den Personalabteilungen an und stellten bald fest, dass die Landeskirchen bei den Menschen immer noch stilles Vertrauen geniessen und als verlässliche Konstante im komplex gewordenen Alltag empfunden werden.“

BEWÄHRUNGSPROBE
Die erste grosse Bewährungsprobe kam wenige Monate später mit dem Terroranschlag auf eine Schweizer Touristengruppe in Luxor. Bei der Überführung der 36 Schweizer Opfer stand erstmals auch das 100-köpfige Careteam im Einsatz, welches die Flughafenseelsorger zusammen mit dem Psychiatriezentrum Hard Embrach aufgebaut hatten. Als weitere tragische Ereignisse folgten die Flugzeugabstürze vor Halifax (1998), in Nassenwil (2000) und Bassersdorf (2001) sowie die Kollision zweier Flugzeuge ob Überlingen (2002) und das damit zusammenhängende Tötungsdelikt knapp zwei Jahre später.
„In diesen Krisensituationen stiessen wir zwar oft an unsere menschlichen Grenzen“, sagt Claudio Cimaschi, „doch mit den Anforderungen wurde uns auch immer die Kraft Gottes geschenkt.“
Inzwischen sei das Pfarramt aus der Dynamik des Flughafens nicht mehr wegzudenken, meint Josef Felder, CEO von Unique, und setzt sich spontan zu den Seelsorgenden. Man kennt sich gut und schätzt die reibungslose Zusammenarbeit. „Die Flughafenseelsorge hat sich zu einem Fiebermesser für das Wohlbefinden der Menschen im Flughafen entwickelt. Dort spürt man immer zuerst, ob alles rund läuft oder wo es Schwachstellen gibt“, betont Josef Felder. Das Flughafenpfarramt ist längst ein fester Bestandteil des Flughafennetzwerkes geworden und steht in intensivem Austausch auch mit der Flughafenpolizei, die in schwierigen Situationen oft einen Seelsorger für ein klärendes oder auch nur ein beruhigendes Gespräch mit Klienten ruft. „Solange Probleme durch Reden gelöst werden, müssen wir keine Gewalt anwenden“, sagt Josef Benz von der Flughafenpolizei.
In der Unterkunft der Asylsuchenden im Transit ist es ungewöhnlich ruhig heute. Der Aufenthaltsraum ist leer, im Schlafsaal der Männer liegen Kleidungsstücke auf zwei Betten verstreut. Durchschnittlich ist die Unterkunft mit zehn bis fünfzehn Personen belegt, die rund zehn Tage auf ihren Bescheid warten. Während dieser Zeit werden sie betreut, erhalten vom Roten Kreuz Rechtsbeistand und vom Seelsorgeteam spirituelle Begleitung. „Wir beten mit den Asylbewerbern in Französisch oder Englisch, oftmals haben sie selbst eine Bibel bei sich“, erklärt Claudio Cimaschi. „Und dann wünschen sie meist einen persönlichen Segen.“
Stand bei der Flughafenseelsorge bis Ende der 90er Jahre die Sorge um die Asylsuchenden im Vordergrund – bis zu zehn Flüchtlinge kamen damals täglich in Kloten an –, hat sich der Arbeitsschwerpunkt mit dem Swissair-Grounding 2001 auf die seelsorgerliche Betreuung der Mitarbeitenden des Flughafens verlagert. Am Tag des Groundings habe er zusammen mit seinem reformierten Kollegen Walter Meier an einem internationalen Kongress der Flughafenseelsorger in den USA geweilt, erinnert sich Claudio Cimaschi. „Auch unsere Tickets waren für den Rückflug nicht mehr gültig.“ In Zürich angekommen, war das Chaos perfekt: „Wir kamen direkt in die überfüllten Hallen des Flughafens. Alles stand still, die Menschen biwakierten auf Matten in den Hallen.“ Die Kapelle wurde sofort in einen Raum der „Hoffnung, Wut und Klage“ umgetauft, die Seelsorgenden stellten Flipcharts als „Klagemauer“ auf, ein Kerzenmeer am Boden erhellte den Raum. Inzwischen habe sich die Situation zwar wieder normalisiert, sagt der Seelsorger, „doch die Narben werden immer spürbar bleiben“.
Da die Gespräche mit den Flughafenangestellten und Flughafenbesuchern zunehmend zeitintensiver, die Probleme komplexer werden, stösst das Seelsorgeteam an seine Kapazitätsgrenzen. Ein personeller Ausbau ist noch nicht spruchreif. Derzeit wird das Freiwilligenteam schrittweise ausgebaut, das übers Wochenende oder an Randzeiten Unterstützung bringen soll.

FASZINATION FLUGHAFEN
„Unser Beruf ist vielschichtig wie das Leben selbst“, sagt Andrea Thali. Die Seelsorgerin schätzt das internationale, multikulturelle und interreligiöse Umfeld. Claudio Cimaschi spricht von der ungebrochenen Faszination Flughafen und fügt an: „Wir begleiten hier Menschen auf einem Stück Lebensweg und nehmen Anteil an ihrer Geschichte, teilen Freud und Leid, Sorge und Hoffnung.“ Sich abzugrenzen und einen Ausgleich zur fordernden Aufgabe zu finden, ist nicht immer einfach, aber notwendig, wissen beide aus Erfahrung. Während sich Andrea Thali der bildenden Kunst widmet, zieht es Claudio Cimaschi in die Natur. Zentral aber ist für beide die Pflege der eigenen Spiritualität. Die Kapelle im Terminal 2 sei der ideale Ort, aus der Hektik des Alltags zur eigenen Mitte zu finden. Der Andachtsraum ist ein interreligiöser Kultraum ohne feste religiöse Symbole. Per Lichtspot kann ein Kreuz an die Wand projiziert werden. Ein Pfeil auf dem Boden weist nach Mekka. Ganz vorne, neben den Kerzen, liegt ein Buch, in dem Anliegen und Gebete eingetragen werden können.
Als eigentliches Herz der Flughafenseelsorge bezeichnen Claudio Cimaschi und Andrea Thali ihre Kapelle. Regelmässig finden hier Gottesdienste und Mittagsgebete statt, vereinzelt auch Trauungen und Taufen. Der Andachtsraum bietet Platz für 30 Personen. „Unsere Kirche ist immer voll“, sagt Claudio Cimaschi, „und im kleinen Raum steigt die Temperatur, wenn wir gemeinsam beten …“

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Das Team der Flughafenseelsorge: Claudio Cimaschi, Andrea Thali und Walter Meier (v.l.n.r.). FOTO: CHRISTOPH WIDER
10 Jahre Flughafenpfarramt Zürich-Kloten

Das ökumenische Flughafenpfarramt Zürich-Kloten wurde im Februar 1997 von den beiden Theologen Pfarrer Walter Meier (reformiert) und Diakon Claudio Cimaschi (katholisch) ins Leben gerufen. Im Jahr 2000 stiess Andrea Thali (katholisch) als weitere Theologin zum Team. Die beiden Landeskirchen finanzieren je die 100-Prozent-Stelle „ihres“ Seelsorgers, das 50-Prozent-Pensum von Andrea Thali wird von der Gesellschaft zur Förderung der Flughafenseelsorge bezahlt, an der verschiedene Unternehmen (unter anderem Unique und Swiss) beteiligt sind.
Neben dem Pfarramt im Check-in 1 befindet sich im Check-in 2 ein Andachtsraum, der rund um die Uhr Menschen aller Konfessionen offen steht.
Die Seelsorgenden betreuen und begleiten die Angestellten des Flughafens, Passagiere, Flüchtlinge und Asylsuchende sowie Besucher. Sie bieten Gottesdienste an, aber auch Segensfeiern, Taufen oder Hochzeiten. Darüber hinaus koordinieren sie das Care-Team der Notfallseelsorge.
Das Flughafenpfarramt ist rund um die Uhr erreichbar und steht allen Menschen, unabhängig von ihrem religiösen und kulturellen Hintergrund, zur Verfügung.
Im Februar 2007 wurde in einem Ökumenischen Gottesdienst und mit einer Standaktion im Shopping Center Flughafen das 10–Jahr–Jubiläum gefeiert. Das ganze Jubiliäumsjahr steht unter dem Motto „in transit with you“ („unterwegs mit Ihnen“).
Durch die IACAC (Internationale Vereinigung der Seelsorger in der Zivilluftfahrt) ist das Flughafenpfarramt Zürich-Kloten international vernetzt. Derzeit gibt es auf über 170 Flughäfen auf allen Kontinenten Seelsorgestellen.

PIA STADLER

www.flughafenpfarramt.ch