Der erste Papst im Knast
Frühchristliche Legenden erzählen, Simon Petrus, der in der katholischen Tradition als erster Papst gilt, habe mehrfach hinter Gittern gesessen. Heute würde man sagen, er sei aus weltanschaulichen Gründen in den Knast geraten. Schon damals wurden religiöse Minderheiten häufig diffamiert und kriminalisiert.
Einmal muss es für Petrus besonders brenzlig geworden sein, wie Apostelgeschichte 12 zu berichten weiss: König Herodes Agrippa I., ein Enkel Herodes des Grossen, liess Petrus in Jerusalem verhaften und in den Kerker werfen. Weil er zuvor den Apostel Jakobus den Älteren hatte enthaupten lassen, drohte auch Petrus Todesgefahr. Weder er noch die Gemeinde der Christen konnten ernsthaft mit einer Rettung rechnen, zumal er mit einem Aufgebot von insgesamt sechzehn Soldaten strengstens bewacht wurde. „Die Gemeinde betete inständig zu Gott.“ Petrus aber schlief angekettet im Gefängnis.
Nun wird von etwas erzählt, was sich historischer Erkenntnis entzieht, von einem geheimnisvoll wunderbaren Geschehen der Nacht. Lassen wir Lukas selbst zu Wort kommen: „Plötzlich trat ein Engel des Herrn ein, und ein helles Licht strahlte in den Raum. Er stiess Petrus in die Seite, weckte ihn und sagte: Schnell, steh auf! Da fielen die Ketten von seinen Händen. Der Engel aber sagte zu ihm: Gürte dich und zieh deine Sandalen an! Er tat es. Und der Engel sagte zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Dann ging er hinaus und Petrus folgte ihm, ohne zu wissen, dass es Wirklichkeit war, was durch den Engel geschah; es kam ihm vor, als habe er eine Vision. Sie gingen an der ersten und an der zweiten Wache vorbei und kamen an das eiserne Tor, das in die Stadt führt; es öffnete sich ihnen von selbst. Sie traten hinaus und gingen eine Gasse weit; und auf einmal verliess ihn der Engel.“ (Apostelgeschichte 12,7–10)
Eine Geschichte zwischen Schlaf und Traum, zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Vision und Wirklichkeit, zwischen Zwang und Freiheit. Der Engel ist dazwischen. Er repräsentiert das Interesse Gottes, sein Dazwischensein, seine Anteilnahme. Dahinter steht die Erfahrung: Gott ergreift Partei für Unterdrückte. Es geschieht wie im Traum und ist doch Wirklichkeit. Nacht, Ketten, Gefängnis sind reale Bilder für Angst und Unfreiheit. Licht, Engel, offene Türen stehen für Rettung und Erlösung. Was sich hier im Bild verdichtet, kann in jeder Befreiung erlebt werden. Aber leider kommt der Engel nicht zu jedem, der in Ketten liegt. Die Befreiung ist auch für Glaubende nicht garantiert. Viele sterben wie Jakobus, andere kommen noch einmal davon wie Petrus, der am Ende aber auch ein Opfer von Gewalt wird.
Das gotische Relief am Regensburger Dom, das um 1350 als Tympanon des südlichen Westtors geschaffen wurde, zeigt die Befreiung des Petrus durch den Engel. In einer Momentaufnahme wollte der unbekannte Bildhauer die Pointe der Legende festhalten, wobei sich seine Phantasie ganz ungeniert vom Text entfernt. In köstlicher Naivität klappt der Engel den Turm des Gefängnisses ab und zieht den schlafenden Apostel heraus. Fast amüsant wirkt, wie die riesenhafte Engelsfigur durch die Enge der spitzbogigen Reliefplatte gezwungen ist, sich zu bücken. In dieser Stellung bildet der Engel gleichsam einen Raum der Geborgenheit für Petrus, der noch gar nicht ahnt, wie befreiend diese Zuneigung Gottes wirkt.
Der aussteigende Petrus und die zwei schlafenden Soldaten wecken Erinnerungen an Auferstehungsbilder. Diese Assoziation wird auch in der Apostelgeschichte deutlich, wenn dort steht: „Es geschah in den Tagen der ungesäuerten Brote.“ Das Leid des Gefangenen wird so mit der Passion Jesu, die Befreiung mit Auferstehung in Verbindung gebracht.
Dann und wann begegnet uns ein Engel ohne Flügel, der uns Ostern im Alltag erfahren lässt, indem er uns Wege eröffnet aus Situationen, wo wir durch andere so eingeschränkt und beengt werden, dass wir kaum noch atmen können. Mögen sich auch unsere Fesseln und Verstrickungen lösen wie im Traum!
WALTER ACHERMANN