Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Ich habe vier Kinder – kein einziges davon hochbegabt! Weshalb ich das so genau weiss? Sie klagen selten über die Schule, finden Ferien trotzdem lässiger und machen in der Freizeit Dinge, die sich nicht direkt in brillanten Noten niederschlagen. Vor allem aber mangelt es ihnen eindeutig an Verhaltensoriginalität. ( „Verhaltensoriginalität: Früher ‚Verhaltensstörung‘; vom Zwischenprodukt ‚Verhaltensauffälligkeit‘ abgelöst; im Volksmund unbelehrbar ‚en müesame Goof‘ genannt“ (Zitat aus dem noch zu schreibenden „Wörterbuch des evolutiven Schwachsinns“).
Früher waren hochbegabte Kinder der Lehrerschaft vorbehalten. Bei deren Nachwuchs machte sich der Intelligenzstau derart schmerzhaft bemerkbar, dass die Kinder im Regelfall früher eingeschult wurden und Klassen überspringen mussten. Irgendwann in der Kanti bin ich diesen School-Hoppern dann wieder begegnet. Und tatsächlich, an Schulerfahrung hatten sie uns Nachzüglern einiges voraus.
Ich muss gestehen, auch ich bin ein Lehrerkind. Aber als ich minderbemittelt termingerecht eingeschult wurde, konnte ich gerade mal meinen Namen kritzeln. Und mein Vater verkündete stets lauthals, er schicke seine Kinder lieber ein Jahr zu spät als einen Tag zu früh zur Schule. Das hat er nun davon: vier mediokre Söhne. (Medioker bedeutet „mittelmässig“, aber wenn schon Durchschnitt, dann soll es wenigstens gebildet klingen.)
Und weil seine vier Söhne es nicht besser wissen, sind zwar beinahe alle Lehrer geworden, haben Lehrerinnen geheiratet und wahrscheinlich potentielle Lehrer und Lehrerinnen gezeugt – aber spät einschulen tun sie immer noch. Wenn es sich machen lässt sogar später, als der Staat erlaubt. Lange werden sie diesen Beitrag zur Volksverdummung allerdings nicht mehr leisten können.
Es ist zu erwarten, dass der nächste Mozart mit vier eingeschult wird, damit durch musikalische Früherziehung sein Genie gebildet werden kann. Einstein wird ein Musterschüler und muss nach dem Studium nicht mehr unterfordert auf dem Patentamt rumhängen. Und Picasso wird einer seriösen Didaktik unterworfen, damit sein Gekritzel nach etwas aussieht. Es ist ein Jammer, wie viele Genies ihre Begabung abseits von Schulzimmern vergeuden, ohne je von einer Lehrperson seriös hochbegabt zu werden. Sogar bei Jesus wäre mit gezielter Förderung mehr als Zimmermann drin gelegen, obwohl von ihm nur überliefert ist, dass er hochbegnadet war.
Eintrag ins Logbuch: Noch gibt es viel mehr Eltern von hochbegabten Kindern – als hochbegabte Kinder.

THOMAS BINOTTO

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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.