Jetzt oder nie
Rund 6000 Watt Energie verbraucht jede Schweizerin und jeder Schweizer permanent. Das ist so viel, wie wenn pro Person sechzig 100-Watt-Glühbirnen rund um die Uhr brennen würden. Auf ein Jahr hochgerechnet, entspricht das einem Energieverbrauch von 52 560 Kilowattstunden. Somit gelangen im Durchschnitt pro Person 10 Tonnen Kohlendioxid in die Luft, denn der grösste Anteil an Energie stammt aus Erdöl. Das ist viel zu viel – das Klima schwitzt und das Öl wird knapp. Darin sind sich Kurt Zaugg und Alex Streichenberg einig. Hingegen scheiden sich ihre Geister bei der Frage, ob unser Energieverbrauch in nützlicher Frist so stark gesenkt werden kann, dass wir ohne neue Kernkraftwerke auskommen.
forum: Herr Zaugg, Herr Streichenberg, Sie beide beschäftigen sich intensiv mit Umweltfragen. Macht Ihnen der Klimawandel Angst?
Alex Streichenberg: Angst macht mir der Klimawandel nicht. Ich würde eher sagen, er beschäftigt mich sehr. Zwei Dinge sind meiner Meinung nach zu bedenken. Einerseits die Ursachen: Da ist der CO2-Ausstoss bestimmt das Hauptproblem. Auf der andern Seite stehen die Auswirkungen wie der auftauende Permafrost, der zu Bergstürzen führen kann, oder global gesehen vermehrte Überschwemmungen und andere Umweltkatastrophen. In Bezug auf die Auswirkungen sehe ich grosse Herausforderungen auf uns zukommen. Das ist für mich aber keine Angst, sondern vielmehr eine Aufgabe.
Kurt Zaugg: Seit den 70er Jahren wird vor dem Klimawandel gewarnt, doch erst jetzt beginnt man die Sache wirklich ernst zu nehmen. Nach neustem Klimabericht haben wir noch acht Jahre Zeit, um den CO2-Ausstoss zu stabilisieren. Bis 2020 sollten wir ihn bereits um 20% reduziert haben, um die Klimaerwärmung so weit zu bremsen, dass für uns ein Weiterleben in den angestammten Regionen möglich ist. Seit Anfang 90er Jahre hat sich ein globaler Temperaturanstieg von 0,6 Grad ereignet. Nach Einschätzung der UNO und der EU sind 2 Grad Erwärmung die kritische Grenze, die nicht überschritten werden sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir bis 2050 den CO2-Ausstoss weltweit halbieren. Und wenn man allen Ländern die gleiche Menge an Verbrauch von fossilen Rohstoffen zugestehen will, dann müssen die USA wie auch Europa ihren Verbrauch um satte zwei Drittel reduzieren.
Alex Streichenberg: Das Problem ist allerdings, dass wir mehr Strom brauchen, wenn wir fossilen Brennstoff einsparen wollen. Wenn man eine Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzt, braucht diese Strom. Das Hybridauto muss zum Aufladen an eine Steckdose. Mehr Schienenverkehr bedeutet mehr Strom. Bei allen Ersatzmassnahmen ist elektrische Energie im Spiel.
Dabei wird für die Schweiz für das Jahr 2020 eine Stromversorgungslücke prognostiziert, wenn nicht zünftig gespart wird. Werden wir dereinst bei Kerzenlicht kalt duschen müssen?
Alex Streichenberg: Ich halte die Situation für sehr dramatisch. Unser Stromverbrauch steigt und steigt, eine Trendwende ist noch nicht in Sicht. Das hat verschiedene Gründe: Die Bevölkerung nimmt zu, die Industrie will wachsen und trotzdem soll auf Kernkraftwerke verzichtet werden. Die Lücke ist schon da. Bis vor kurzem hat die Schweiz aufs ganze Jahr gesehen mehr Strom exportiert als importiert. Seit 2005 ist das umgekehrt, unter anderem deshalb, weil die Schweiz seit 25 Jahren kein grösseres Kraftwerk mehr gebaut hat. Ein weiterer Grund ist, dass sich die Notwendigkeit des Stromsparens noch kaum in den Köpfen der Bevölkerung festgesetzt hat.
Kurt Zaugg: Das Problem sind die stetig steigenden Ansprüche. Die Leute beanspruchen immer mehr Wohnfläche, und die muss beheizt werden. Zwei Autos in einem Haushalt sind an der Tagesordnung. Wir haben heute zwar effizientere Autos, dafür kaufen die Leute grössere. Da wir in einem internationalen Energienetz eingebunden sind, wird uns der Strom nicht wirklich ausgehen. Doch wir werden mehr vom Ausland einkaufen müssen, und die Frage ist, zu welchen Bedingungen. Es wird einfach teurer.
Alex Streichenberg: Die Energieverknappung ist im Ausland noch grösser als bei uns. Deshalb wird der Stromeinkauf zu vernünftigen Preisen immer schwieriger werden.
Kurt Zaugg: Das stimmt. Was aber nicht stimmt, ist Ihre These, wonach das Einsparen von fossilem Brennstoff zwangsläufig mit höherem Stromverbrauch einhergeht. In unserem Haus stellen wir gerade um von Ölheizung auf Holzpelletheizung mit Wärmekollektoren auf dem Dach für Warmwasser. Dafür brauchen wir nicht mehr Strom.
Alex Streichenberg: Schön und gut. Doch die Herstellung der Holzpellets und der Sonnenkollektoren braucht eben doch Energie.
Beim Strom ist das Effizienzpotential offenbar enorm. Würde man dieses ausschöpfen, heisst es, so könnte man unsere alten AKWs auslaufen lassen und bräuchte sie nicht zu ersetzen. Welche Massnahmen wären dazu nötig?
Kurt Zaugg: Elektrische Widerstandsheizungen müssten durch Wärmepumpen ersetzt werden, Glühbirnen durch Stromsparlampen, um zwei wichtige Beispiele zu nennen.
Es kann sich aber nicht jedermann eine neue Heizung leisten.
Kurt Zaugg: In unserer reichen Gesellschaft wird so viel Geld für Luxusgüter ausgegeben, da werden wir doch in der Lage sein, im Interesse des Klimas und unseres Weiterlebens etwas zu investieren. Abgesehen davon hat man dann viel geringere Energiekosten. Und es ist auch eine gute Investition in unsere Wirtschaft. Das Geld, das wir für Holz oder Sonnenkollektoren ausgeben, geht nicht nach Arabien oder sonst wohin, sondern bleibt im Land.
Reicht es, auf Freiwilligkeit zu setzen, oder braucht es staatliche Verbote und Vorschriften?
Kurt Zaugg: Die relativen Energiepreise sind seit den 70er Jahren gesunken. Unsere Benzinpreise gehören zu den tiefsten in ganz Europa. Das fördert das Sparen natürlich nicht gerade. Der Bund hätte die Preise mit Lenkungsabgaben längst anheben sollen, statt zu warten, bis das Öl knapp wird. Freiwilligkeit reicht nicht.
Alex Streichenberg: Auch meiner Meinung nach müsste das Bundesamt für Energie viel stärker auftreten und gezielt den verantwortlichen Behörden Vorschriften und Gesetze vorschlagen. Gerade im Bausektor gibt es viele Möglichkeiten. Beim Thema Verkehr ist das schwieriger. Leider wurde vor kurzem die Sonderbesteuerung von Offroadern im letzten Moment vom Bundesrat verhindert.
Apropos Autos: Was ist mit Wasserstoffautos? Könnte man damit nicht Klimaschutz betreiben, ohne auf Mobilität verzichten zu müssen?
Kurt Zaugg: Da stellt sich die Frage, mit welcher Energie der Wasserstoff hergestellt wird. Wenn eine umweltverträgliche Herstellung gelingt, ist Wasserstoff bestimmt eine Energieform mit Zukunft. Doch ob Wasserstoff- oder Hybridauto, so oder so ist es unsinnig, dass eine Einzelperson ihre fünfzig bis achtzig Kilo mit einer Tonne herumfährt. Gewisse Elektrofahrzeuge sind so leicht, dass sie sich fast gänzlich mit Sonnenenergie aufladen lassen.
Noch viel schlimmer als Autos ist aber der Flugverkehr.
Kurt Zaugg: Ja, der Flugverkehr legt am meisten zu. Doch auf Flugbenzin gibt es keine Abgaben, da dies international koordiniert sein müsste. Deshalb ist Fliegen viel zu billig.
Alex Streichenberg: Hier kann die Schweiz unmöglich im Alleingang etwas unternehmen, sonst ruinieren wir unsere gerade erst mühsam aufgebaute Airline. Mindestens innerhalb von Europa müsste bezüglich Flugbenzinsteuer zusammengespannt werden.
Dann nehmen wir doch mal den ganz kleinen Rahmen, den Haushalt. Ist es da möglich, ohne Komforteinbussen zu sparen?
Alex Streichenberg: Hier scheint mir das Sparen am einfachsten. Allein mit Sonnenkollektoren auf dem Dach für Warmwasser könnte man schon sehr viel erreichen. Oder auch damit, dass elektrische Geräte ganz ausgeschaltet und nicht im Standby-Modus belassen werden. Schwieriger finde ich das Energiesparen in der Industrie, die wachsen soll und Arbeitsplätze erhalten muss.
 Viele der Massnahmen, die wir für Wohngebäude erwähnt haben, sind auch für die Industrie möglich. Bei steigenden Energiekosten wird auch sie gezwungen sein, zu sparen. Da werden dann die Computer und Kopiergeräte nicht mehr über Nacht und Wochenende eingeschaltet bleiben.
Eine Industrie, die wachsen will, wird aber trotzdem immer mehr Strom brauchen. Werden wir um neue AKWs herumkommen?
Alex Streichenberg: Nein. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, was bezüglich Erdöl auf uns zukommen wird. Experten gehen davon aus, dass die weltweite Erdölförderung ihre Produktionsspitze, den so genannten „Hubbert Peak“, erreicht hat. Das bedeutet, dass die Förderquote bald sinken wird, während der Verbrauch aber weiterhin ansteigt – denken wir nur an Länder wie China und Indien. Deshalb ist der Ersatz von fossilen Brennstoffen viel dringlicher, als das bisher angenommen wurde. Ich prognostiziere, dass der Ölpreis in den kommenden zwei, drei Jahren gewaltig steigen wird.
Kurt Zaugg: Jetzt, wo der Ölpreis noch nicht auf maximaler Höhe ist, hätten wir noch Handlungsspielraum. Bevor das Öl richtig knapp wird, muss auf alternative Energien umgesattelt werden. Jedoch nicht auf Kernenergie, denn auch Uran ist ein Rohstoff, der begrenzt zur Verfügung steht. Einige Län-der – England, Finnland, die USA unter an-deren – setzen auf AKWs, weil das auf den ersten Blick der einfachste Weg ist.
Und auf den zweiten Blick?
Kurt Zaugg: Da zeigen sich gewaltige Probleme wie zum Beispiel die Radioaktivität beim Schürfen des Urans oder die Lagerung des Atommülls. Kommt hinzu, dass die friedliche Nutzung von Uran von der kriegerischen nicht zu trennen ist. Deshalb plädiere ich für Energieeffizienz und Umstellung auf wenn immer möglich einheimische erneuerbare Energien.
Alex Streichenberg: Im Prinzip bin ich bezüglich Energieeffizienz einverstanden. Nur glaube ich nicht, dass das ausreichen wird. Wenn wir uns verantwortungsbewusst absichern wollen, können wir auf Kernenergie nicht verzichten. Seit 37 Jahren produziert die Schweiz Atomstrom und ist bis anhin gut damit gefahren. Es gab noch nie eine Panne, noch nie einen Produktionsunterbruch. Warum also eine Strategie ändern, die so gut funktioniert?
Sie, Herr Zaugg, möchten auf Atomstrom verzichten.
Kurt Zaugg: Ich bin auf jeden Fall dagegen, dass neue AKWs gebaut werden. Im Gegensatz zu Wasserkraftwerken, müssen Atomreaktoren nach vierzig oder fünfzig Betriebsjahren entsorgt werden. Und was die Sicherheit angeht, ist es bloss eine Frage der Zeit, bis etwas passiert. Wir sollten die Zeit, in der unsere bestehenden AKWs noch laufen, nutzen, um auf andere Energien umzustellen.
Alex Streichenberg: Und ich behaupte, dass diese Zeit nicht reicht, weil die Verknappung von Strom und fossilem Brennstoff viel schneller kommt. Es geht um eine Interimslösung. Auch meiner Meinung nach sollten wir in 200 Jahren ohne Atomstrom auskommen. Doch die nächsten drei, vier Generationen werden ihn noch brauchen.
Atomkraftwerke sind aber sehr ineffizient.
Kurt Zaugg: Ihr Wirkungsgrad liegt nur gerade bei 40 Prozent, 60 Prozent gehen als Abwärme ins Wasser oder in die Luft. Zum Vergleich: Mit einem Blockheizkraftwerk statt einer Ölheizung im Keller kann man die Energie bis zu 90 Prozent ausnutzen, weil mit der Wärme des Motors geheizt und gleichzeitig Strom produziert wird. Die Wärme der AKWs hingegen kann man zum Heizen nicht nutzen, weil niemand ein Kernkraftwerk mitten in eine Stadt stellt.
Alex Streichenberg: Auch bezüglich Kernkraft steht die Forschung nicht still. Effizientere Reaktoren werden entwickelt, und die Abwärme wird teilweise heute schon genutzt.
Doch auch der modernste Reaktor wird radioaktiven Abfall produzieren.
Alex Streichenberg: Das neuste Nagra-Projekt will diesen Abfall 600 Meter unter der Erde in Opalinuston lagern. Das scheint mir ein gangbarer Weg, auch für Atommüll, der durch neue AKWs anfallen wird. Natürlich ist es unschön, radioaktives Material verlochen zu müssen. Doch wie gesagt, wir sollten uns beide Wege offenhalten: Alternative Energie so weit es reicht, für den Rest Atomstrom.
Reden wir noch etwas über erneuerbare Energien. In der Schweiz gibt es weder besonders viel Wind noch besonders viel Sonne.
Kurt Zaugg: Natürlich können wir hier nicht Windparks aufstellen wie in Dänemark. Doch es ist sicher mehr möglich als heute. Was die Sonnenenergie angeht, so rechnet man in Zukunft mit mehr Hitzeperioden. Also wird auch da noch einiges rauszuholen sein. Im Moment ist Sonnenenergie einfach noch verhältnismässig teuer.
Alex Streichenberg: Bezüglich Windenergie habe ich meine Bedenken. In unserer kleinräumigen Landschaft gibt es einfach keinen Platz für diese Propeller. Kommt hinzu, dass der Wind von einer Minute auf die andere zusammen fallen kann. Dann müssen wieder Atom- oder Gaskraftwerke einspringen.
Was ist mit Wasserkraft? Gibt es da noch Potential?
Kurt Zaugg: Wasserkraft ist bei uns kaum mehr ausbaubar und wird, wenn sich das Klima weiterhin erwärmt, sogar abnehmen, weil es dann weniger Wasser gibt. Das wird auch die AKWs betreffen, denen das Kühlwasser in den Flüssen fehlt. Drum: Mittel- bis längerfristig muss das Ziel sein, mit dem auszukommen, was Sonneneinstrahlung, Wind und Biomasse einbringen, plus in möglichst kleinem Ausmass fossile Brennstoffe. Auch das Szenario einer 2000-Watt-Gesellschaft geht davon aus, dass weiterhin 500 Watt aus fossilen Brennstoffen bezogen werden müssen.
Wie realistisch ist aber die 2000-Watt-Gesellschaft, wenn man bedenkt, dass wir momentan bei 6000 Watt stehen, Tendenz steigend?
Alex Streichenberg: Ich finde es richtig, die-
ses Ziel zu verfolgen, doch ich glaube nicht, dass wir es in nützlicher Frist erreichen. Deshalb sollten wir die Option Kernkraftwerk offenhalten. Brauchen wir sie nicht, umso besser. Doch wir dürfen es nicht dem Zufall überlassen.
Kurt Zaugg: Wir müssen die 2000-Watt-Gesellschaft nicht nur wegen des Klimas, sondern auch aus Solidarität mit anderen Ländern erreichen. Nicht nur wir haben ein Anrecht auf Energie und hohen Lebensstandard. 2000 Watt sind kein utopisches Ziel. Wir müssen sehen, dass wir so schnell wie möglich dahin kommen, und zwar ohne Atomenergie. Deren Risiken sollten wir nicht eingehen, wenn es auch anders geht.
INTERVIEW: JUDITH HARDEGGER
Alex Streichenberg ist Ingenieur und Präsident der Arbeitsgruppe "Christen und Energie". Diese arbeitet seit 1984 an energiepolitischen Fragen aus christlicher Sicht mit. www.christenenergie.ch
Kurt Zaugg-Ott ist Theologe und Leiter der Arbeitsstelle des ökumenischen Vereins "oeku Kirche un dUmwelt". www.oeku.ch