Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 13, 2007 Eine Sünderin bekehrt sich
11. Sonntag im Jahreskreis (17. Juni): Lukas 7,36–50

Eine Sünderin bekehrt sich

Artikelaktionen

Eine schöne Geschichte: Eine Sünderin (sprich: Prostituierte) erkennt in der Begegnung mit Jesus die Falschheit ihres Lebens, bereut und bittet, ohne ein Wort zu sagen, um Vergebung. Allerdings gibt es keine Sünde ohne freien Willen, und es lässt sich mit gutem Grund fragen, ob die Frau damals überhaupt eine Wahl hatte oder ob sie nicht vielmehr durch widrige Umstände zu ihrem unmoralischen Broterwerb genötigt wurde.
Die Geschichte geht jedoch davon aus, dass die Frau eine Wahlmöglichkeit hat und sich nun bekehrt. Die Frau, die nicht spricht, hat auch keinen Namen. Seit Gregor dem Grossen wird sie mit Maria von Magdala gleichgesetzt. Indem sie Jesus mit ihren Tränen die Füsse wäscht und diese mit ihren Haaren trocknet und sie küsst, erniedrigt sie sich. Man kann das leicht als Männerphantasie abtun, die im Laufe der Kunstgeschichte den Malern eine der seltenen Möglichkeiten bot, eine sich hingebende Frau mit offenem Haar zu zeigen.
Solche berechtigte feministische Kritik darf aber unseren Blick auf den geistlichen Sinn der Szene nicht verstellen: Jeder ehrliche Mensch weiss, wie schmerzhaft sich Reue anfühlt, und wie schön es ist, um Vergebung zu bitten und diese zu bekommen, wie befreiend auch, eine Umkehr zu schaffen. Dies alles schenkt die Begegnung mit Jesus: Im Spiegel seines reinen Herzens wird eigene Falschheit offenbar; seine liebevolle Zuwendung macht es möglich, um Vergebung zu bitten; und seine Ausstrahlung hilft dabei, dem Leben eine neue Richtung zu geben. Und im Gegensatz zur Sprachlosigkeit der Frau scheut sich Jesus nicht, sie anzusprechen. Wer etwas von dieser befreienden Kraft schon erlebt hat, wird auch den Fussfall der Frau nachvollziehen können.
Demütige Verehrung gehört nicht nur zum weiblichen Gefühls- und Verhaltensrepertoire. Die Bereitschaft und sogar das Bedürfnis, sich vor einem Grösseren, Besseren zu verneigen und ihm zu dienen, ist Teil der psychischen Struktur des Menschen. Wer sich vor Jesus verbeugt, wird nicht in Versuchung kommen, irgendeinen Menschen mit religiöser Inbrunst zu verehren und so immun sein gegen alles Totalitäre. Wie viel Entsetzliches wäre der Menschheit schon erspart geblieben, wenn ihre Mitglieder genauer unterschieden hätten, wem Verehrung gebührt und wem nicht!
Der Ausschnitt aus dem Lukas-Evangelium ist aber nicht nur eine Geschichte über die individuelle Erlösung einer Frau, sondern auch – schon wieder – ein Lehrstück über Selbstgerechtigkeit: Simon, der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, denkt bei sich: „Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt.“ Die Antwort Jesu ist eindeutig: Alle Menschen sind Schuldner, der Unterschied besteht nur in der Grösse ihrer Schuld. Und somit gibt es überhaupt keinen Anlass zur Selbstgerechtigkeit. In einer eigenartigen Umkehr der geltenden Werte geht Jesus noch einen Schritt weiter: Er interpretiert das Verhalten der Frau, das man als anstössig bewerten könnte, als liebevoll: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat.“ Liebe hat viele Gesichter, dass diese Frau keine Angst vor körperlicher Nähe hat – genau das hat Jesus gefreut. Und er weist darauf hin, dass Liebe-Zeigen eine wertvolle Fähigkeit ist, die vielen „Gerechten“ abgeht.

GISELA TSCHUDIN
GEMEINDELEITERIN ST. MARTIN

Artikelaktionen
"Sie trocknete seine Füsse mit ihrem Haar". Lukas 7,38