Wo die Hoffnung einen Namen hat
Am Anfang des Tages steht das Wort. Ein altes Wort, meist den Evangelien entlehnt, das bis zum Abend als sinnstiftendes Motto in Taten umgesetzt werden will. „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen“ zum Beispiel. Oder „Vollbring einen Liebesdienst und tritt ins Licht“.
Für heute, sagt Ralf, heisst die Losung „Im Nächsten Jesus sehen“. Ein Dutzend junge Männer zwischen 16 und 31 Jahren sitzen in engem Kreis beisammen. Es ist kurz vor 8 Uhr, soeben haben sie das morgendliche Rosenkranz-Gebet und die Bibelbetrachtung beendet. Die Sonne scheint durch die Fenster der Gemeinschaftswohnung. Kaum ein Laut ist zu hören. Auf Gut Neuhof beginnt der Tag mit Sammlung und Einkehr. Junge Menschen am Rande der Gesellschaft leben hier zusammen mit dem Ziel, frei zu werden von fesselnden Abhängigkeiten, um das Abenteuer eines neuen Lebens zu wagen.
DER HARTE WEG …
Das Gegacker der Hühner im Stall ist fast schon ohrenbetäubend, noch aufdringlicher ist der Geruch. Schweine suhlen sich im Dreck. Gelassen stellt Ralf Futter für die Tiere bereit, öffnet die Klappen, die in die Freiheit der Aussengehege führen. Später wird er den Stall putzen und sich um seine Lieblinge, die Hasen und deren Nachwuchs, kümmern. Seit vier Monaten ist der Sechsundzwanzigjährige für den Stall und die Auslieferung der Eier verantwortlich. Er ist sichtlich stolz.
Der Weg dahin war hart, steinig und von Rückschlägen gezeichnet. „Mit 13 hab ich mit meinen Kumpels erste Joints geraucht und Bier getrunken“, erinnert er sich. Es gibt Streit in der Familie, erst mit dem jüngeren Bruder, der oft betrunken von der Polizei nach Hause gebracht wird, dann auch mit den Eltern. Rolf zieht in eine eigene Wohnung, besucht die Oberschule und beginnt eine Lehre in Garten- und Landschaftsbau. Als Alkohol und Cannabis zunehmend das Leben bestimmen, fliegt er aus der Wohnung und schmeisst die Lehre. Es folgen Therapien und die Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Kaum draussen, gewinnt die Sucht erneut Oberhand. Ralf hört von der Fazenda, die von katholischen Priestern geleitet wird. „Die Alternative zum Gutshof war das Obdachlosenheim, da fiel die Wahl leicht. Aber natürlich hatte ich Angst, den Ausstieg aus der Droge nicht zu schaffen.“ Im Zug von Berlin nach Nauen raucht er die letzten Joints.
Die Aufnahme ist herzlich, die Solidarität unter den Jugendlichen gross. Alle auf Gut Neuhof wissen, wie schwierig die Zeit der Rekuperation, der Befreiung von der Abhängigkeit und Wiedergewinnung seiner Fähigkeiten ist. Der Prozess dauert hier ein Jahr. „Am Anfang wirst du durch die Gruppe getragen, dann lernst du selber gehen und am Schluss trägst du andere“, erklärt Ralf.
Der kalte Drogenentzug bringt ihn an seine Grenzen. Auf der Fazenda gibt es weder Ersatzdrogen noch Alkohol oder Zigaretten. Handy und Bargeld werden abgenommen, und auch Fernseh geschaut wird nur ausnahmsweise. Gemeinschaft, die Arbeit in Haus und Hof und gelebte Spiritualität sollen den Ausstieg aus der Sucht ermöglichen. „Anfangs war das unglaublich hart. Mein Körper rebellierte, und mein Geist wehrte sich gegen so viel Gebet und Gottesdienst. Dazu musste ich noch 8 Stunden pro Tag Rosenkränze knüpfen …“ Allmählich aber bessert sich sein Gesundheitszustand, und er lernt, sich dem Glauben zu öffnen. Nach dem Wort der Bibel zu leben, oder sich zumindest darum zu bemühen, wird einfacher. Getauft ist Ralf zwar noch nicht, aber den Zugang zu Gott hat er gefunden.
… ZU GOTT …
„Gut Neuhof ist für mich ein Ort, wo der Himmel offen steht, wo das Evangelium berührbar wird“, sagt Christian Heim beim gemeinsamen Mittagessen. Der Pastor begleitet das Projekt zurzeit ehren-, ab nächstem Jahr hauptamtlich. Der christliche Glaube ist keine Voraussetzung, um aufgenommen zu werden, was zählt, ist der Wille, sich von seiner Sucht zu befreien, und die Bereitschaft, sich auf das Leben auf der Fazenda einzulassen. Zwar kommt längst nicht jeder mit den Erfahrungen auf dem Gutshof zurecht, doch unter denen, die ihr Rekuperationsjahr beenden, kann sich der Erfolg sehen lassen: Rund 80 Prozent schaffen den Ausstieg aus der Abhängigkeit dauerhaft.
… UND EINEM SELBST BESTIMMTEN LEBEN
„Angst, rückfällig zu werden, habe ich eigentlich nicht“, sagt Ralf und packt die Eier sorgfältig in Schachteln ab. Mit dem Stempel „Gut Neuhof“ versehen, finden sie bis nach Berlin ihre Käufer. Mit seiner Arbeit trägt Ralf seinen Teil zum Lebensunterhalt auf der Fazenda bei. Seine Kollegen bepflanzen die Felder, arbeiten in der Fleischerei und Bäckerei oder erledigen die Hausarbeit. Spendengelder werden einzig für den Bau und die Renovation der Gebäude eingesetzt, das Alltagsleben jedoch soll aus eigener Leistung finanziert werden.
Ralf möchte die Arbeit nicht missen. Sie gibt Halt und die Möglichkeit, eigene Fähigkeiten weiterzuentwickeln, um sich auf ein selbst bestimmtes Leben „danach“ vorzubereiten. Damit der Neuanfang nach der Fazenda gelingt, wird den jungen Männern auf Gut Neuhof geholfen, sich von Altlasten zu befreien. So kommt es schon mal vor, dass ein Priester einen Jugendlichen zu Gerichtsverhandlungen begleitet und Schulden mit den ausbezahlten Arbeitslosengeldern getilgt werden.
Sein Jahr hat Ralf Ende Januar beendet. Das erhaltene Diplom berechtigt ihn, jederzeit auf einer Fazenda anzuklopfen und um Tisch und Bett zu bitten. Beruhigend, meint Ralf. Vorerst aber hat er sich entschieden, noch einige Monate zu bleiben, um das ihm geschenkte neue Leben jenen, die noch am Anfang des Weges stehen, weiterzugeben. Zukunftspläne? „Erst mal meine Lehre beenden – und dann eine Familie gründen …“
Auch Martin, 21 und Leiter der Fazenda, ist ein Ehemaliger. Aus Neugier sei er mit zwölf in die Drogen abgerutscht, sagt er. Aufgefangen wurde er nach einer Odyssee durch erfolglose Therapien mit 17 Jahren auf der Fazenda. Seither hat ihn das Leben mit Gott und Gemeinschaft nicht mehr losgelassen. Berufung sei es, sagt Martin. Autoritätsprobleme kennt er trotz seines jugendlichen Alters keine. Seine Lebenserfahrung verschafft ihm Respekt. Er weiss, was es heisst, die Freiheit von der Sucht gefunden zu haben.
Von Berufung redet auch Silvia, 29, seit Februar Leiterin der nahegelegenen Frauen-Fazenda. Nach Jahren von Essstörungen und Selbstverletzung habe sie sich als Frau neu kennen und lieben gelernt. Jetzt, sagt sie, möchte sie ihr Leben für die Fazenda verschenken.
„Wer kommt zum Fussballmatch?“, ruft Ralf nach getaner Arbeit. Alle. Auch Spass muss sein. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach für jene, die im Egoismus der Sucht Rücksichtnahme und Teilen verlernt haben.
Es bleiben drei viertel Stunden bis zum Gottesdienst.
Abends treffen sich die jungen Männer zum Gespräch. Man tauscht sich aus über seine Erlebnisse, wie weit das Wort tagsüber gegriffen hat. Ist es gelungen, nicht ausfällig zu werden, nicht misstrauisch, nicht verletzend – im Nächsten Jesus zu sehen? „Ja“, sagt Rolf. „Ich habe mich bemüht, immer wieder …“
PIA STADLER
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