Verfälschte Bibel?
Behauptung: Kaiser Konstantin (306–337) gab eine neue Evangeliensammlung in Auftrag, nachdem er die früheren Evangelien konfisziert und verbrannt hatte. Unser heutiger Bibelkanon entstand demnach in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Konstantin der Grosse hat Tausende von Handschriften vernichten lassen, um Jesus einen göttlichen Status zu verleihen.
Und das meint der Decoder dazu: Die 27 Schriften des Neuen Testaments – die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die
21 Briefe und die Offenbarung des Johannes – bilden den so genannten neutestamentlichen Kanon. Der Begriff Kanon heisst wörtlich „Richtschnur, verbindliche Richtlinie, Regel“. Beim Bibelkanon haben wir es mit Schriften zu tun, die für das Christentum als verbindlich gelten. Nun ist die Bibel bekanntlich nicht vom Himmel gefallen. Wie also kam es zu dieser Schriftensammlung? Vor der Fixierung des Neuen Testaments, wie wir es heute kennen, waren viel mehr als 27 Schriften im Umlauf und in Gebrauch. Wer hat darüber befunden, was davon in die Bibel aufgenommen wird und was nicht und aufgrund welcher Kriterien?
Eines ist sicher: Kaiser Konstantin hat mit der Entstehung des Neuen Testaments nichts zu tun. Er hat weder ausgewählt noch vernichtet, noch neue Texte schreiben lassen. Das Ringen darum, welche Evangelien als verbindlich zu gelten hatten, begann schon lange vor Konstantin. Denn da sich das Christentum schnell ausbreitete, gab es auch schon sehr früh unterschiedliche Auffassungen darüber, was die wahre Lehre dieser neuen Religion sei. Wir haben verschiedene Belege aus dem 2. und 3. Jahrhundert, die zeigen, dass unsere vier Evangelien bereits zu dieser frühen Zeit eine herausragende Stellung innehatten und dass damit gegen Irrlehren vorgegangen wurde. So bestätigen die Schriften des Kirchenvaters Irenäus von Lyon (um 180 n. Chr.), dass infolge der Ausbreitung verschiedener Sekten die junge Kirche gezwungen war, nebst Glaubensgrundsätzen auch die Grunddokumente des Christentums festzulegen. Als Erster erwähnt er die vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, welche die Wahrheit der christlichen Botschaft ausmachten. Ebenfalls aus dem 2. Jahrhundert stammt eine Kanon-Liste, die nach deren Entdecker Muratori benannt ist. An erster Stelle stehen auch hier die vier Evangelien, gefolgt von der Apostelgeschichte und von Briefen. Kriterien für die Schriftenauswahl waren die folgenden: Sie mussten der Zeit Jesu möglichst nahe – also möglichst alt – sein, sie mussten eine grösstmögliche Akzeptanz in den Gemeinden haben und die reine Lehre vertreten.
Die Evangelien galten schon lange Zeit vor Konstantin als kanonisch, während bei einigen Briefen noch längere Zeit Unsicherheit bestand. Endgültig festgelegt wurde der Bibelkanon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, also erst nach Konstantin.
Dan Brown bringt in seinem Roman allerhand durcheinander. Es stimmt zwar, dass Kaiser Konstantin zahlreiche Bibelhandschriften hat anfertigen lassen – jedoch nicht mit neuem Inhalt. Da während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian in den Jahren 303–311 die Bibelhandschriften der Gemeinden zum grössten Teil vernichtet worden waren, brauchte Konstantin für die Hauptkirchen seines Reiches ganz einfach Nachschub. Wenn es stimmte, dass Konstantin darauf aus war, Handschriften zu vernichten, dann hätte er ziemlich schlechte Arbeit geleistet. Es sind aktuell 5750 Handschriften des Neuen Testaments bekannt. Viele davon stammen aus vorkonstantinischer Zeit. Vergleicht man sie mit Konstantins Auftragstexten, wird deutlich, dass Letztere keine verfälschten Botschaften enthalten.
JUDITH HARDEGGER