Sammeln für Litauen
Litauen ist seit dem Jahr 2004 in der EU. Weil das Land noch zu arm ist, wurde Litauen noch nicht in die Eurozone aufgenommen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion brachte ein enormes soziales Gefälle zwischen Reichen und Armen. Fast ein Drittel der Bevölkerung lebt unter dem offiziellen Exis-tenzminimum. Die älteren Leute bringen sich kaum noch durch, und junge Menschen haben kaum Perspektiven. Die Arbeitslosigkeit ist gross, und die Preise sind innert kurzer Zeit gestiegen.
Um die Armut und das Elend etwas zu lindern und der Bevölkerung unter die Arme zu greifen, führt die internationale humanitäre Hilfsorganisation „Triumph des Herzens“ eine Sammelaktion für Litauen durch. Verschiedene Pfarreien beteiligen sich an dieser Aktion, so zum Beispiel Richterswil, Wallisellen, Hinwil, Männedorf und Dietikon. Am 11. Mai fand die Sammelaktion für Litauen im Pfarrhaus der römisch-katholischen Pfarrei Wetzikon-Seegräben statt. Eine Gruppe von Freiwilligen unter der Leitung von Rosmarie Kamber sammelt und sortiert Kleider, Schuhe, Bettwäsche, Decken, Babyartikel, Nähmaschinen, Werkzeug, Matratzen und Küchengeschirr. Schon seit dem Jahr 1993 organisiert Rosmarie Kamber diese Art von Sammelaktionen. „Ohne den unermüdlichen Einsatz der Freiwilligen könnten wir diese Aktion nicht durchführen“, kommentiert Rosmarie Kamber den grossen Erfolg der Sammelaktion. Unmengen von Schachteln türmen sich im Pfarrhaus Richtung Decke und warten auf den Abtransport per Lastwagen Richtung Litauen, wo die Materialien in landwirtschaftliche Gebiete rund 150 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Vilnius gebracht werden. Weil so viel Material in Wetzikon eintrifft, besteht ein Grossteil der Arbeit der Freiwilligen darin, die Sachen zu sichten und zu sortieren, damit nicht schlechte, unbrauchbare Ware den Weg nach Litauen findet.
Dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weltweit immer weiter öffnet, wird einerseits daran ersichtlich, wie die Löhne immer weiter auseinanderklaffen. So beträgt der Durchschnittslohn in Litauen knapp 600 Franken, die durchschnittliche Rente 150 Franken. Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 200 Franken und der durchschnittliche Stundenlohn kaum 4,50 Franken (also rund acht Mal weniger als der EU-Durchschnitt). Andererseits sticht auch ins Auge, dass wir bezüglich der materiellen Dinge offensichtlich derart im Überfluss leben, dass wir kaum noch wissen, wohin mit den Unmengen an Sachen, die durchaus noch gut erhalten, aber nicht mehr ganz topmodern sind. Gleichzeitig fehlt es einem Grossteil der litauischen Bevölkerung grundlegend an Gütern, die existenziell sind für das Leben im Alltag. Dementsprechend können solche Sammelaktionen für einen gewissen Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern sorgen. „Wesentlich erscheint, dass wir die Menschen dort mit Respekt behandeln, auch wenn sie arm sind – und sie aufgrund ihrer Armut nicht abwerten“, kommentiert Rosmarie Kamber das grosse Gefälle zwischen der Schweiz und Litauen.
MAGNUS LEIBUNDGUT