Grösse kommt vor Legende
 Bereits nach wenigen Wochen hat die Gesamtauflage des Jesus-Buchs von Joseph Ratzinger die Millionengrenze überschritten. Leider besteht die Gefahr, dass daraus der meistungelesene Bestseller des Jahres wird. Der schlichte Titel und die herausragende Stellung seines Autors verleiten nämlich zur Annahme, hier werde die päpstlich autorisierte Jesus-Biografie für Anfänger geboten. In zahlreichen Rezensionen wurde zudem betont, wie leicht verständlich das Buch geschrieben sei. Das mag für ein Fachpublikum, zu dem gerade die Rezensenten gehören, zutreffen. Joseph Ratzinger ist zweifellos ein grossartiger Stilist, sprachlich und gedanklich so souverän, dass er auf den hermetisch verschachtelten Fachjargon seiner Zunft und einen voluminösen Anmerkungsapparat verzichten kann. Dennoch ist sein Buch keine einfache Kost, denn die fehlenden Anmerkungen sind auch ein Indiz dafür, wie viel Wissen Ratzinger schlicht voraussetzt. Was er geschrieben hat, dient also in erster Linie der Vertiefung und nicht der Hinführung. Es ist ein Jesus-Buch für Fortgeschrittene.
PROVOKATIVE SCHLICHTHEIT
Obwohl Ratzinger eindringlich betont, er traue den Evangelien und wolle deshalb „den Versuch machen, einmal den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ‚historischen Jesus‘ im eigentlichen Sinn darzustellen“, sollte man daraus nicht den Kurzschluss ziehen, er habe ein naives Erbauungsbuch im Sinn. Dennoch bleibt die These, dass die historisch-kritische Bibelexegese bei aller Notwendigkeit auch Gefahr laufe, den wahren Jesus zu verfälschen anstatt zu enthüllen, eine Provokation.
Auch für eine scheinbar naive Frage wie diese bin ich dankbar: „Ist es nicht auch historisch viel logischer, dass das Grosse am Anfang steht und dass die Gestalt Jesu in der Tat alle verfügbaren Kategorien sprengte und sich nur vom Geheimnis Gottes her verstehen liess?“
Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Die Heiligen sind die wahren Ausleger der Heiligen Schrift.“ Damit bringt Ratzinger einerseits die Herausforderung des Christentums zum Ausdruck, dass es sich hier nämlich nicht um eine Gesetzesreligion, sondern um eine „Vorbildreligion“ handelt. Gleichzeitig drückt er subtil aus, dass ihm die „Lebmeister“ eigentlich lieber sind als die „Lesmeister“ – obwohl oder vielleicht gerade weil er zu den herausragenden Vertretern der zweiten Kategorie gehört.
Allerdings, wenn Ratzinger seiner These ganz vertrauen würde, könnte er sein Buch eigentlich nach dem Vorwort beenden und uns zur persönlichen Bibellektüre entlassen. Aber auch er weiss natürlich, dass sich die Evangelien nicht von selbst erklären, selbst wenn wir ihnen noch so trauen. Und so reiht sich Ratzinger – fast widerwillig – dann doch in die lange Tradition jener ein, die das Geheimnis erklären möchten und ihm damit geradezu zwangsläufig etwas von seiner unmittelbaren Anschaulichkeit nehmen. Niemand verkündet die Botschaft von Jesus Christus so schlicht und eindringlich wie Jesus Christus selbst.
Einmal mehr wird so eine berührende Seite Ratzingers offensichtlich: Er ist ein aufgeklärter Geist auf der Suche nach einem schlichten Glauben. Die Welt dieses Durch-und-durch-Intellektuellen sind die schönen Künste, Literatur, Philosophie und natürlich ganz selbstverständlich gelehrte Theologie. Er verfügt über ein ungeheures Wissen und die Gabe, dieses zu ordnen. Aber seine eigentliche Sehnsucht gilt dem schlichten Credo. Damit steht er einem anderen grossen deutschen Theologen, Romano Guardini, sehr nahe. Dieser Joseph Ratzinger verkörpert überraschend repräsentativ eine westliche Kirche, die gar nicht mehr hinter die Aufklärung zurück kann – auch wenn sie sich nach Klarheit und Unmittelbarkeit sehnt.
AUCH EINE „AUTOBIOGRAPHIE“
Es ist also wie mit allen Jesus-Büchern: Am meisten verraten sie letztlich über ihre Autoren. Dass beispielsweise „Ratzingers“ Jesus nicht einmal im Nebenberuf Zimmermann zu sein scheint, ist bestimmt kein Zufall. Wer also dem Papst näherkommen will, der muss dieses Buch wohlwollend lesen, denn es handelt sich um das zutiefst persönliche Zeugnis eines Menschen.
Darüber hinaus bleibt natürlich beeindruckend und anregend, wie Ratzinger sein immenses Wissen in ein Panorama formt. Wie er beispielsweise die Schlüsselstellen der Evangelien in innerbiblische Zusammenhänge stellt. Dadurch gelingt ihm auch eine überzeugende Verzahnung von Altem und Neuem Testament, ohne dass er das Alte Testament instrumentalisieren würde. Der jüdische Glaube wird von Ratzinger nicht einfach zur Vorläufer-Religion degradiert, sondern mit hoher Sensibilität respektiert.
Überhaupt eignet sich sein Buch nicht für jene plakativen Schlagzeilen, mit denen es teilweise bedacht wurde. Es liefert also weder eine apodiktische Absage an die Befreiungstheologie noch an die historisch-kritische Exegese. Es mag überraschen, aber Ratzinger ist ein skrupulöser Ermittler, kein apodiktischer Richter. Und ausgerechnet als Papst scheint er weniger denn je die Lust zu verspüren, ex cathedra zu sprechen.
Die Wahrheit über Jesus Christus enthüllt natürlich auch Joseph Ratzinger nicht. Und er ist sich dessen bewusst, denn nur Jesus Christus selbst ist die Wahrheit. Deshalb wird jedes noch so gelehrte und tiefgläubige Buch bestenfalls eine Annäherung sein. Das dürfte mit ein Grund sein, weshalb Ratzinger sein Buch ausdrücklich als Theologe und nicht als Papst veröffentlicht hat. Er will die Diskussion, weil er sich bewusst ist, dass auch sein Buch diskutabel ist. Wenn er damit erreicht, dass Jesus Christus wieder als lebendige Wirklichkeit ins Gespräch kommt, dann tut er allen Theologen einen Dienst, auch jenen, die mit ihm nicht einiggehen.
THOMAS BINOTTO
Ein umfassendes Dossier mit Rezensionen stellt der Herder-Verlag auf seiner Website zur Verfügung: www.herder.de/programm/buchbesprechungen/alle_texte?k_tnr=29861