„Ostpriesterhilfe ist aktueller denn je“
forum: Herr Röthlin, welches sind die Grundsätze des Hilfswerkes?
Hans-Peter Röthlin: Der Kirche in Not zu helfen durch Gebet, Information und finanzielle Unterstützung.
Was unterscheidet „Kirche in Not“ von anderen Hilfswerken?
Wir sind ein internationales katholisches Hilfswerk päpstlichen Rechts, das heisst, wir wissen uns dem Heiligen Vater verpflichtet, er ist unser eigentlicher Vorgesetzter. Im Übrigen verstehen wir uns gemäss unseren geistlichen Richtlinien und den Statuten als pastorales Hilfswerk, das – immer im Einverständnis mit den Bischöfen der Ortskirchen – die Seelsorge in den Diözesen überall in der Welt unterstützt. Zudem legen wir grössten Wert auf den Austausch im Gebet zwischen unseren Wohltätern und den Projektpartnern in aller Welt.
Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Unter unseren pastoralen Schwerpunkten sind heute vor allem die Ausbildung von Priestern, Existenzhilfen für Ordensschwestern, Bauhilfen für Kirchen, Kapellen und Klöster sowie die Förderung katholischer Medienprogramme und die Motorisierungshilfe für die Seelsorger.
Wie hat sich das Hilfswerk im Laufe der Jahrzehnte entwickelt?
Finanziell gesehen hat es in 60 Jahren einen Sprung von 0 im Jahre 1947 bis heute 80 Millionen Euro gemacht! Zuerst ging es im Sinne einer beispiellosen Versöhnungskampagne um Existenzhilfe für die vertriebenen 14 Millionen Deutschen, die aus dem Osten kamen. Dann öffnete sich das Werk auf Wunsch von Johannes XXIII. für die Hilfe an Lateinamerika und später auch für Asien und Afrika. Johannes Paul II. hat Pater Werenfried gebeten, der russisch-orthodoxen Kirche zu helfen, sich nach der Wende 1989 neu aufzubauen.
Wie aktuell ist „Ostpriesterhilfe“ noch nach dem Fall der Berliner Mauer?
Aktueller denn je! Vorher war es oft schwierig, der katholischen Kirche im damaligen Ostblock überhaupt zu helfen – eben weil alles von den kommunistischen Machthabern „abgeblockt“ wurde. In ganz Albanien gab es keine katholische Kirche mehr … Deshalb bringen wir zurzeit sehr viel Mittel auf für den Wiederaufbau von Kirchen und kirchlichen Häusern in diesen Ländern. Vor allem auch in der Ukraine und in Ex-Jugoslawien gibt es noch unheimlich viel zu tun.
Wo ist „Kirche in Not“ heute vorwiegend tätig?
Neben dem eben Gesagten in Afrika, in asiatischen Ländern wie Indien, Vietnam und China sowie in Lateinamerika. Überall, wo die Kirche verfolgt oder massiv benachteiligt wird, wie zum Beispiel zunehmend in islamistisch dominierten Ländern.
Welches sind die Kriterien für die Unterstützung eines Projektes?
Wir unterstützen ein Vorhaben dann, wenn eine gute Idee dahintersteckt und jemand vor Ort da ist, der auch fähig ist, diese Idee in absehbarer Zeit zu verwirklichen. Darüber hinaus verlangen wir immer die schriftliche Empfehlung des zuständigen Bischofs.
Können Sie uns konkrete Projekte nennen?
Jede Menge! Unser bisher grösstes und auch zeitlich längstes Projekt ist die Kinderbibel, die wir inzwischen seit 1979 in 153 Sprachen und mit einer Auflage von mehr als 45 Millionen herausgegeben haben. Seit einigen Jahren läuft ein weiteres Grossprojekt: der von unserem Hilfswerk herausgegebene kleine Katechismus „Ich glaube“, der bisher in 22 Sprachen in einer Auflage von insgesamt 4,5 Millionen Exemplaren erschienen ist. Neben vielen Bauprojekten, Existenzhilfen und Stipendien sind wir zurzeit in Pflicht für insgesamt über 200 000 Euro für die christlichen Radiosender „Voskresinnya“ in der Ukraine und „Mazoji studija“ in Litauen. Auch für die „Fazendas da Esperança“ haben wir für dieses Jahr bis jetzt 400 000 Euro versprochen.
Wie kamen Sie zur Fazenda in Berlin?
Unser Gründer, der Speckpater Werenfried van Straaten, hatte noch zu seinen Lebzeiten die Fazendas in Brasilien kennen gelernt und war fasziniert von dieser neuen kreativen Initiative, drogenabhängigen und kriminellen Jugendlichen ganzheitlich zu helfen, da wieder herauszukommen. Er sah in der Gründung einer Fazenda in Berlin eine Pioniertat, auf eine ganz neue Weise dem Elend der Drogenabhängigkeit und der Kriminalität auch in Westeuropa beizukommen, und zwar auf der Basis des gelebten Evangeliums – eine pastorale Initiative par excellence!
Welche Visionen haben Sie für die Zukunft, vier Jahre nach dem Tod von Pater Werenfried?
Auch wenn unser Gründer jetzt endlich am einzigen Ort ist, wo die Kirche nicht mehr Not leidet, hier auf der Welt wird es immer irgendwo Verfolgung, Bedrängnis und Not für die Kirche geben. Auch in Zukunft – und da sind wir gefragt, unsere Brüder und Schwestern nicht im Stich zu lassen! Mehr denn je, da bin ich mir sicher, hilft uns der Speckpater von seiner Warte her dabei. Und wir, das ist der Auftrag, wollen uns mit allen Kräften und Ideen dafür einsetzen, dass unsere Kirche allüberall in der Welt ihren Weg finden und gehen kann, auch in Not und Bedrängnis.
INTERVIEW: PIA STADLER