Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 12, 2007 „Anleitung“ zur Selbstgerechtigkeit
Dreifaltigkeitssonntag (3. Juni): Brief an die Römer 5,1–5

„Anleitung“ zur Selbstgerechtigkeit

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Am Dreifaltigkeitssonntag werden fünf Verse aus dem Römerbrief des Paulus verlesen. Ein ebenso kurzer wie gefährlicher Abschnitt, weil er uns scheinbar den kompletten Bausatz für hausgemachte Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit zur Verfügung stellt.
„Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn“, schreibt Paulus. Damit wird der fatale Umkehrschluss geradezu vorprogrammiert, dem mancher „Rechtgläubige“ noch so gerne folgt: Ich bin gläubig, also bin ich gerecht. Ich bin Christ, also habe ich einen Logenplatz in der himmlischen Hierarchie auf sicher.
Wer so denkt, fühlt sich schon im nächsten Satz von Paulus wunderbar bestätigt: „Durch ihn (Jesus Christus) haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen.“ Wenn das kein exklusives Heilsversprechen ist, für das wir uns gleichsam selbst auf die Schulter klopfen dürfen. Wir glauben, Paulus verstanden zu haben, und „rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes“.
Und dennoch bin ich überzeugt, dass Paulus keine „Anleitung zur Selbstgerechtigkeit“ geben will. Gerade er hat sich doch immer vehement dagegen gewehrt, dass aus den Christen ein exklusiver Club wurde. Er wollte keinen inneren Kreis der Eingeweihten, der allen Aussenstehenden den Zugang verwehrt und sich selbstgenügsam im Status der Erlösung sonnt. Aber Paulus ist ein brillanter Rhetoriker – und deshalb so leicht falsch zu verstehen. Mit seiner Pointiertheit provoziert Paulus geradezu die Missverständnisse.
Erst wenn man über die fünf Verse der Sonntagslesung hinaus weiterliest – und das sei hiermit wärmstens empfohlen –, wird offensichtlich, dass Paulus keinerlei Anlass zur Selbstgerechtigkeit sieht. Im Gegenteil: Es sind gerade nicht unsere Leistung und letztlich nicht einmal unser Glaube, die uns gerecht machen. Es ist Jesus Christus allein, der uns gerecht wird. Seine Gerechtigkeit ist deshalb in erster Linie Erlösung. Er allein kann unser Versagen und unsere Schwäche aufheben. Und er ist es, der uns an sich zieht – nicht umgekehrt. Das Glück für die Gläubigen, von dem Paulus hier spricht, besteht deshalb hauptsächlich darin, dieses Angebot wahrzunehmen – offen steht es allen und annehmen darf es jeder.
Als ob er uns damit noch nicht genügend provoziert hätte, fordert Paulus gleich noch ein weiteres gravierendes Missverständnis heraus: „Wir rühmen uns unserer Bedrängnis, denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung.“ Daraus wurde und wird gerne ein folgenschwerer Umkehrschluss gebastelt, der ungefähr so geht: „Sei glücklich, dass du leiden darfst, dann erhältst du den direkten Weg ins Himmelreich vorgezeichnet.“ Zugegeben, Paulus – oder seine Übersetzer – mutet uns an dieser Stelle tatsächlich eine ziemlich verquere Formulierung zu und zäumt den Gedanken von hinten her auf. Gemeint ist aber wohl doch etwas unmittelbar Einleuchtendes, dass wir nämlich in der Bedrängnis dazu genötigt werden, Geduld zu üben. Dass wir einen langen Atem brauchen, wenn wir uns in der Not zu bewähren versuchen. Und dass wir diesen langen Atem nur dann kriegen, wenn wir irgendwo noch eine Hoffnung sehen. Das Zentrum, um das sich alles dreht, ist also nicht die Not, sondern die Hoffnung. Und die hat bei Paulus einen Namen. Sie heisst weder „Kirche“ noch „gläubiges Ich“, sondern schlicht und unmissverständlich „Jesus Christus“.

THOMAS BINOTTO

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FOTO: CHRISTOPH WIDER

„Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.“
Brief an die Römer 5,1