Drei Feste – ein Inhalt
„Christi Himmelfahrt“ hat zwar einen genau benennbaren und konkreten biblischen Ursprung, ist aber im frühen Christentum dennoch kein eigenes Fest. Zunächst war dieses Gedächtnis fest eingebunden in die Feier der Osterwoche, und später wurden die Geistsendung – also Pfingsten – und Himmelfahrt am fünfzigsten Tag nach Ostern gemeinsam gefeiert.
Der Grund für diese Verknüpfungen liegt auf der Hand, sind doch – theologisch betrachtet – Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung untrennbar miteinander verbunden. Immer wird im Grunde nur eines gefeiert, nämlich Auferstehung und Gegenwart Christi.
Mit der Ausgestaltung des Kirchenjahres wurden später dennoch die einzelnen Gedächtnisse getrennt gefeiert und erhielten so ein eigenes Gepräge.
Erst im 4. Jahrhundert wurde der vierzigste Tag nach Ostern zum eigenständigen Fest – eben Christi Himmelfahrt – ausgestaltet. Man hielt sich damit an die Chronologie, wie sie im Lukasevangelium vorgegeben ist. Bereits im 5. Jahrhundert setzte sich das neue Fest im Osten wie im Westen durch und gewann zunehmend an Bedeutung.
WENN ES IN DER KIRCHE REGNET
Trotzdem ist das Brauchtum nicht überall ausgeprägt. In der Schweiz sind es in erster Linie einige Auffahrtsumritte (Beromünster, Hitzkirch), die bis heute erhalten blieben. Dabei haben solche Umritte ursprünglich kaum einen Bezug zum religiösen Inhalt des Festes. Sie gehen vielmehr auf sogenannte Bannbräuche zurück: Man umging oder umritt das Gemeindegebiet und betete dabei um gutes Wetter.
Der einzige eigentlich christliche Himmelfahrtsbrauch besteht darin, eine Christusfigur in eine Luke der Kirchendecke hochzuziehen, also gewissermassen im Himmel verschwinden zu lassen. In einigen katholischen Gegenden wird dieser Brauch auch heute noch begangen.
Doch selbst hier schlich sich einiges ein, was nicht christlichem Glauben entsprach: Weil sich die Figur beim Hochziehen am Seil hängend langsam drehte, beobachtete man genau, wohin die Figur unmittelbar vor ihrem Verschwinden blickte. Und aus dieser Himmelsrichtung sollte, so „aberglaubte“ man, in der nächsten Zeit das Wetter kommen.
In der Barockzeit wurde es schliesslich vielerorts üblich, nach dem Aufzug der Christusfigur durch die Luke Heiligenbildchen, Äpfel oder Blumensträusschen in den Kirchenraum hinunterzuwerfen – oder es „regnete“ gar Oblaten auf die Gläubigen hernieder. Dieser Brauch wurde wahrscheinlich unter anderem deshalb abgeschafft, weil eine Verwechslung mit geweihten Hostien allzu nahe lag. Ganz und gar nichts mit Himmelfahrt zu tun hat der Brauch, an diesem Tag nur Fleisch von „fliegenden“ Tieren zu essen.
Heute trifft auf den Auffahrtstag das Bonmot ganz besonders zu, niemand sei so sehr Atheist, dass er auf die kirchlichen Feiertage verzichten würde. Für die meisten Menschen ist Auffahrt schlicht ein arbeitsfreier Tag ohne religiösen Hintergrund.
Das hat dazu geführt, dass in einigen Gegenden bereits vom „Vatertag“ die Rede ist. Doch da ist es dann nicht etwa Brauch, dass nun die Väter besonders viel Zeit für ihre Familien fänden. Im Gegenteil, Männer rotten sich unter diesem Etikettenschwindel zu feuchtfröhlichen Runden und „sauglatten“ Unternehmungen zusammen.
GEBURTSTAGSFEST DER KIRCHE
Pfingsten ist ein Fest, dessen religiöser Inhalt sich nicht so ohne weiteres symbolträchtig darstellen lässt. Deshalb ist auch das Brauchtum dazu ziemlich spärlich. Und wiederum hängt dies unter anderem damit zusammen, dass Pfingsten untrennbar zu Ostern gehört und ursprünglich nicht besonders gefeiert wurde.
Aus dem Barock, wo man ohnehin alles und jedes bildlich und theatralisch darstellte, sind dennoch einige Pfingstbräuche überliefert. So liess man beispielsweise an Pfingsten eine Taube in das Kircheninnere hinab – als Zeichen der Ausgiessung des Heiligen Geistes. Und auch an Pfingsten regnete es, ähnlich wie an Himmelfahrt, Gaben auf die Gläubigen herab.
Akustisch untermalt wurde das Ganze von den Chorknaben oder Ministranten, die prustend das Wehen des Heiligen Geistes darstellen sollten. Diese und ähnliche bizarre Bräuche sind heute weitgehend verschwunden.
Die Taube wird oft als Symbol für Pfingsten verwendet, und viele Darstellungen des Pfingstereignisses zeigen den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube. Ursprünglich aber ist die Taube, wenn wir uns an die Evangelien halten, kein pfingstliches Symbol. Dort heisst es nämlich, der Heilige Geist sei als Feuer und Sturm gekommen.
Nur bei der Taufe von Jesus wird der Geist Gottes mit einer Taube verglichen. Trotzdem wird die Taube früh – und auf dem Konzil von Nicäa offiziell – zum eigentlichen Geistsymbol erklärt. Seither ist sie von Darstellungen des Pfingstereignisses kaum wegzudenken. Dass die Taube darüber hinaus auch ein Symbol des Friedens ist, hat viel ältere Wurzeln und ist bereits aus der antiken, vorchristlichen Zeit überliefert. Für das Christentum wurde in dieser Hinsicht besonders die Geschichte Noahs bedeutsam. Dort bringt die Taube bekanntlich einen grünen Ölzweig mit, der anzeigt, dass Gott mit den Menschen Frieden schliessen will.
Später wird die Taube zudem zum Seelenvogel, der sich zum Himmel aufschwingt. Deshalb wird in vielen alten Sterbeszenen die Seele des Verstorbenen als Taube dargestellt.
Pfingsten gilt – nach Ostern und Weihnachten – als drittwichtigstes Fest im Kirchenjahr. Dies drückt sich bis heute unter anderem im arbeitsfreien Pfingstmontag aus.
Dennoch ist Pfingsten, wie es ein Lutheraner ausdrückte, eigentlich ein „Fest zu viel“. Zu viel insofern, als eigentlich an Pfingsten dasselbe gefeiert wird wie an Ostern, nämlich die Gegenwart Christi.
Heute wird zudem oft betont, dass an Pfingsten die Geschichte der Kirche beginnt. Und so wird Pfingsten von allen Konfessionen als eigentliches Geburtsfest der Kirche betrachtet.
An einigen Orten wird aus diesem Grund an Pfingsten ein Brauch neu belebt, der tiefer als die bisher erwähnten den religiösen Gehalt des Festes symbolisiert: Mit einem Pfingstfeuer soll die Glut des Geistes, die Kälte und Nacht durchbricht, bildhaft dargestellt werden und uns daran erinnern, dass auch wir vom Feuer des Glaubens durchdrungen werden können.
FROMMER DEMONSTRATIONSZUG
Fronleichnam gilt als das jüngste Hochfest der katholischen Kirche. Und obwohl es noch vor der Reformation eingesetzt wurde, wird es nach wie vor als jenes katholische Fest betrachtet, das die Unterschiede zur protestantischen Kirche deutlicher macht als jedes andere.
Juliane von Lüttich, eine belgische Nonne und Mystikerin, hatte 1209 die Vision, dass dem christlichen Kirchenjahr noch ein Fest zur besonderen Verehrung der Eucharistie fehle. Auf ihr Drängen ordnete der Bischof von Lüttich schliesslich im Jahre 1246 ein solches Fest an, und 1317 erhielt es Geltung für die ganze Kirche.
Der deutsche Name „Fronleichnam“ setzt sich zusammen aus „fron“ = „Herr“ und „lichnam“ = „lebendiger Leib“. Damit ist der religiöse Inhalt des Festes schon ziemlich genau umschrieben: Es geht um die Verehrung des lebendigen Leibes von Jesus Christus, um den Glauben an die leibhaftige Gegenwart Christi in der gewandelten Hostie. Das erklärt auch, weshalb sich später die Reformatoren, besonders Zwingli und Calvin, so deutlich von diesem Fest distanziert haben.
Obwohl auch die Fronleichnamsprozessionen ihren Ursprung schon im 13. Jahrhundert haben, wurden gerade sie in der Zeit der Gegenreformation und des Barocks zum demonstrativen Zeichen katholischen Selbstverständnisses. So hat Fronleichnam bis heute für viele protestantische Christen den Charakter einer katholischen „Anti-Reformations-Demonstration“.
Nicht zuletzt deshalb bemüht man sich heute in vielen katholischen Pfarreien, zum ursprünglichen Kern des Festes zurückzukehren und ihm seinen eigentlichen Sinn, frei von konfessionellen Zwistigkeiten, zurückzugeben.
Denn letztlich sind alle drei Feste, Auffahrt, Pfingsten und Fronleichnam – ihrer unterschiedlichen, von der Konfession abhängigen Gewichtung und Ausgestaltung zum Trotz –, Ausfaltungen des zentralen christlichen Festes: Ostern.
THOMAS BINOTTO
Quelle: Thomas Binotto: „Gewusst wie und woher – Christliches Brauchtum im Jahreslauf“
(Fotos: Christoph Wider) Comenius Verlag 2001.
103 Seiten. Fr. 34.80. ISBN 3-905286-83-1.