Das unverstandene Fest
Wo es heute schon vielen schwerfällt, an Gott zu glauben, geschweige denn, über diesen Glauben zu sprechen, macht man es mit der Einführung einer dritten göttlichen Person nicht zusätzlich kompliziert? In der Tat ist Pfingsten als Fest der Herabsendung des Heiligen Geistes eins der am meisten übergangenen des so genannten modernen Menschen. Zugegeben, auch ich freue mich zunächst einmal auf einen arbeitsfreien Montag. Will ich mir jedoch vergegenwärtigen, warum es der Kirche so wichtig gewesen ist, das Fest des Geistes spätestens ab dem 4. Jahrhundert zu feiern, bin ich auf Personen angewiesen, von denen es in der Bibel heisst, dass sie von diesem Geist erfüllt waren: zum Beispiel Stephanus.
Was gefällt mir so an dieser Persönlichkeit? Da ist zunächst einmal seine Frechheit, sich nicht an die ihm von den Aposteln zugedachte Rolle zu halten. Als frisch gewählter Diakon hatte er die Funktion eines Assistenten zu erfüllen. In einem feierlichen Akt wurde ihm die Aufgabe übertragen, während der Eucharistiefeier für die Speisung der Armen zu sorgen. Die Verkündigung des Evangeliums, das öffentliche Auftreten hatten die Zwölf sich selbst vorbehalten (Apostelgeschichte 6,1–6).
Stephanus aber hält sich nicht an diese Arbeitsteilung. Wie könnte auch ein vom Geist Erfüllter schweigen? Er jedenfalls lässt sich nicht den Mund verbieten. In einer flammenden, be-geisternden Rede legt er sich mit der geistig-religiösen Elite, dem Hohen Rat, an. Moderates Taktieren, um etwa nicht seine „Karriere“ zu gefährden – das ist nicht seine Sache. Ohne Rücksicht auf sein Leben wirft er den religiösen Gesetzeshütern Halsstarrigkeit und Verrat an der Glaubenstradition vor. Ein Visionär ist er. Er sieht den Himmel offen, das heisst neue Perspektiven. Es steht nicht geschrieben, wie die Apostel auf die eigenwillige Exponierung ihres Zöglings reagierten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie erfreut darüber waren.
Pfingsten – das ist auch das Geburtstagsfest der Kirche. Heute, 2000 Jahre nach Stephanus, erlebe ich Kirche zunehmend als ängstlich bewahrende Institution, die sich trotz gegenteiliger Bekundungen damit schwertut, Visionen zuzulassen. Stattdessen streitet man sich um innerkirchliche Kompetenzen und Ämterfragen bis hin zum Preis der Glaubwürdigkeit. Stephanus hielt sich nicht an seine Rolle – und wurde damit zum ersten glaubwürdigen Märtyrer der Kirche!
„Sende aus deinen Geist, und alles wird neu erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde“, heisst es in Psalm 104. Möge die Kirche zum Fest ihres Geburtstages jenen Geist erfahren, der nichts so belässt, wie es ist, sondern neue Visionen und Perspektiven eröffnet.
CHRISTIAN MLITZ, FACHSTELLE FÜR RELIGIONSPÄDAGOGIK