Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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7. Sonntag der Osterzeit (20. Mai): Apostelgeschichte 7,55–60

Bis zum Äussersten

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In der fünften Primarschulklasse machten wir einst eine Exkursion nach Zürich, um das Grossmünster und die Wasserkirche zu besuchen. Anlass waren die Zürcher Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius, deren Geschichte wir im Unterricht gelesen hatten. Und die war mächtig eingefahren! Dass die drei ihre abgeschlagenen Köpfe unter dem Arm noch vierzig Schritte getragen haben sollen, glaubte ich zwar schon damals nicht. Doch auch ohne dieses Legendendetail faszinierte mich die Sache unglaublich. Zum ersten Mal hörte ich von Menschen, die trotz Folter nicht von ihrem christlichen Glauben abschworen und sogar den Tod in Kauf nahmen.
Die Zürcher Stadtheiligen sind Glieder einer langen Kette christlicher Märtyrer, die mit Stephanus ihren Anfang nahm. Stephanus gehörte zur ersten Generation Urchristen und wurde zwischen 36 und 40 n. Chr. in Jerusalem gesteinigt. Seinem griechischen Namen nach zu schliessen, war er ein Hellenist. Er gehörte zu den sieben Diakonen – „Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ (Apg 6,3) –, welche die zwölf Apostel erwählt hatten, damit sie sich um die Glaubensverkündigung wie auch um soziale Belange der Gemeinde kümmerten. Ein hervorragender Prediger soll Stephanus gewesen sein, doch genau das wurde ihm zum Verhängnis. Denn nicht allen gefiel, was er predigte. Vor allem seine eigenwilligen Ansichten zum Gesetz des Mose und zur Bedeutung des Jerusalemer Tempels stiessen auf heftigen Widerstand, so dass er von hellenistischen Juden vor dem Hohen Rat angeklagt wurde. In einer flammenden Verteidigungsrede warf Stephanus den Juden vor, ihre Haltung gegenüber Christus sei noch dieselbe wie die Haltung der Israeliten zu Mose: Ablehnung und Verstockung statt Annahme von Gottes Heilsangebot. Anhand der Geschichte Israels versuchte er aufzuzeigen, dass sich Gott nicht an ein bestimmtes Land oder Volk und auch nicht an einen von Menschen erbauten Tempel binden lasse. Da dies als Gotteslästerung taxiert wurde, steinigten sie Stephanus vor den Jerusalemer Stadttoren.
Wer je einen Blick in Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ geworfen hat, weiss, dass später auch die christliche Kirche dieser Hybris verfallen ist. Auch sie meinte genau zu wissen, „wo Gott hockt“, wer er ist und was er tut, und hat drum so manchen Querdenker auf dem Gewissen. Doch es geht nicht nur um längst vergangene Ereignisse wie Inquisition oder Hexenwahn und es geht auch nicht nur um eine abstrakte Grösse wie „die Kirche“. Was den religiösen Absolutheitsanspruch betrifft, so gilt es stets auch vor der eigenen Tür zu kehren. Warum? Weil religiöse Überzeugungen keine Nebensächlichkeiten sind, sondern das Innerste berühren. Wenn sie nicht geteilt werden, fühlen sich Menschen in ihren Grundfesten bedroht. Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass andere ablehnen, was dem eigenen Leben Sinn und Halt gibt. Religiöse Menschen – egal welchen Bekenntnisses – müssen einen Weg finden, ihre Begeisterung und ihr inneres Feuer zu leben, ohne in übertriebenen Missionseifer und Fanatismus abzudriften. Das ist oft eine Gratwanderung.

JUDITH HARDEGGER

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FOTO: CHRISTOPH WIDER

"Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen."

Apostelgeschichte 7,56