Weder Hierarchie noch Demokratie
Im Zusammenhang mit der katholischen Kirche fällt das Stichwort „Hierarchie“ zweifellos häufiger als das Stichwort „Demokratie“. Die demokratischen Elemente in unseren Kirchgemeinden und Kantonalkirchen werden gerne als „Sonderfall Schweiz“ etikettiert und von konservativen Kreisen kritisiert.
Die Apostelgeschichte sieht die Kirche weder als Hierarchie noch als Demokratie, sondern versteht sie als „Pneumatokratie“, als „Geistherrschaft“. Leitung der Kirche erfolgt durch den Heiligen Geist. Aber am Vorgang der Entscheidungsfindung ist die ganze Gemeinde beteiligt und entscheidet mit. Dieses demokratische Vorgehen ist also für die Bibel mit der „Pneumatokratie“ keineswegs unvereinbar – und es bewährt sich besonders in schwerwiegenden Entscheidungen und angesichts tief greifender Konflikte.
Zur Beschreibung des Konfliktes, der den ganzen Entscheidungsvorgang auslöst, werden drastische Formulierungen verwendet: grosse Aufregung, tief greifende Auseinandersetzungen, heftiger Streit. Tatsächlich handelte es sich um eine Zerreissprobe für die werdende Kirche: Wie können Gemeinden zusammenleben und Tischgemeinschaft halten, die aus gesetzestreuen Judenchristen und aus ehemaligen „Heiden“ bestehen, die nicht zu Beschneidung und Gehorsam gegenüber den Reinheits- und Speisevorschriften des mosaischen Gesetzes verpflichtet sind? Die Lösung des Konfliktes war ebenso schwierig wie überlebenswichtig.
Die Versammlung in Jerusalem, an der diese Streitfrage verhandelt wurde, wird oft als „Apostelkonzil“ bezeichnet, doch das ist missverständlich, denn anwesend und mitentscheidend sind nicht nur die „Apostel und Ältesten“, sondern – an erster Stelle genannt – auch die „Gemeinde“. Es handelt sich nicht um ein „Konzil“ der Kirchenleitung allein, sondern um eine Vollversammlung der Jerusalemer Gemeinde, in der allerdings die „Apostel und Ältesten“, besonders Petrus und Jakobus, eine führende Rolle spielen.
Anhaltende Diskussionen zur Erneuerung kirchlicher Strukturen und zur Beteiligung aller Glieder des Gottesvolkes an den Entscheidungen der Kirche geben dem Text Aktualität: Er zeigt beispielhaft, wie die Kirche einen grundlegenden und zukunftsentscheidenden Konflikt so schlichtet, dass erfahrbar wird: Kirche ist eine Gemeinschaft von Gleichgestellten, die niemanden ausschliesst. Gerade tief greifende Konflikte zu lösen, ist nicht Aufgabe der Kirchenleitung allein, sondern der Kirche als Ganzes. Diese Vollversammlung der Gemeinde hat nicht nur beratende Funktion, sondern trifft die Entscheidungen. Die „Pneumatokratie“ und die viel beschworene Gemeinschaft konkretisieren sich in einvernehmlichen Lösungen, die von allen mit entschieden werden und damit auch grössere Chancen haben, von vielen mitgetragen zu werden.
Gewiss können wir dieses Lösungsmodell nicht 1:1 übernehmen: Eine Weltkirche braucht andere Strukturen als die kleine, junge Urchristenheit, und in unserer Zeit müssen neben den Männern auch die Frauen zu Worte kommen. Aber als Ausgangspunkt für eine Besinnung zu Fragen der Konfliktlösung und Entscheidungsfindung in der Kirche eignet sich der Text allemal.
DANIEL KOSCH